Kampf des Willens Ch. 01
Veröffentlicht am 25.04.2025 in der Kategorie AllgemeinGeschätzte Lesezeit: 49 Minuten, 13 Sekunden
Dies ist das erste Kapitel einer längeren Geschichte, die sich vorrangig im Bereich Mind Control bewegt. Da in diesem ersten Kapitel die handelnden Personen und die Storyline vorgestellt werden, ist es relativ lang – und dieses Kapitel enthält relativ wenige Sex-Szenen. Wenn ihr vorrangig auf viel Sex mit wenig Story aus seid, sind einige der späteren Kapitel vielleicht besser für euch geeignet. Wenn ihr aber auch gerne eure Phantasie anregen lasst, dann hoffe ich, dass euch meine Geschichte gefällt.
Für Kommentare bin ich immer dankbar.
*
Bei Nacht ähnelt der Leskower See einem schwarzen Spiegel. Seine Tiefen sind unergründbar; auf den sich leicht kräuselnden im Winde Wellen tanzt der Mond, bis sich eine Wolke vor ihn schiebt. Die Bäume des Grünenberger Forsts reichen bis ans Ufer und strecken ihre Äste hinaus über das Wasser. Die Stille ringsum wird nur hin und wieder vom leichten Rascheln der Blätter oder dem Schrei einer Eule gebrochen.
Im Südosten bildet der See eine Bucht, die von der im Westen gelegenen kleinen Stadt Leskow nicht einzusehen ist. Der Wald ist hier weniger dicht bewachsen. Eine Lichtung würde diesen Ort zur idealen Badestelle machen, wäre das Ufer nicht gerade hier sumpfig und verschilft. So aber ziehen die Leskower Familien an Sommernachmittagen den dichter an der Stadt gelegenen südwestlichen „Strand“ vor – die Sandigkeit dieses Strandes ist sicherlich eher auf die Zerstörung der Grasnarbe durch zu starke Benutzung zurückzuführen, als darauf, dass es sich um einen wirklich Strand handele – und die kleine Bucht und die an sie schließende Lichtung werden lediglich von jugendlichen Pärchen genutzt, die an ihr vor allem ihre Abgeschiedenheit zu schätzen wissen.
Jetzt jedoch, mitten in einer Nacht in den Sommerferien, befinden die meisten dieser Pärchen sich in der einzigen Diskothek oder in einer der beiden sich an jugendliches Klientel richtenden Kneipen, die Leskow aufweisen kann. Einige haben vielleicht auch die lange Fahrt mit der Regionalbahn in die Hauptstadt auf sich genommen, um der heimatlichen Einöde wenigstens für einen Abend zu entfliehen.
Die kleine Bucht liegt still in der Dunkelheit, unberührt von der Existenz lauter Musik und schwüler, rauchiger Hitze, glitzernder Lichter und der Trunkenheit, der sich die Leskower Jugend an den Wochenenden aussetzt.
Die Schilfhalme wiegen sich sacht im Wind, und als der Mond für einige Momente einen freien Blick auf die Bucht bekommt – eine Wolke hat ihn freigegeben, die nächste erreicht ihn erst später – funkelt es auf im Schilf: Etwas hängt fest zwischen den Halmen. Etwas Silbernes, scheinbar Kostbares – eine Kette oder ein Armband.
Da wird auf einmal die Stille der Bucht von menschlichen Fußstapfen gestört. Die Wolken schieben sich schon wieder vor den Mond, und so ist nur noch die Silhouette eines Mannes erkennbar, der zielstrebig auf das Ufer zugeht.
Er sinkt ein wenig ein im Schlamm, scheint sich daran jedoch nicht zu stören. In der Dunkelheit glitzert das Metall zwischen im Schilf nicht mehr, es ist kaum noch zu erkennen. Der Mann findet es dennoch, und seine Hand taucht in das dunkle, kühle Wasser, ergreift den Gegenstand, der sich da kurz unter der Oberfläche des Sees verfangen hat, und zieht ihn heraus. Wieder platschen seine Füße laut durch das Uferwasser. An Land zertreten sie einige Äste.
Dann ist er weg, und der Leskower See liegt erneut in Stille.
Irgendwo in dem Städtchen Leskow schwankt währenddessen ein junger Mann namens Martin angetrunken nach Hause, und versucht energisch den Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben, dass ihm nur noch zwei Wochen bis zum Beginn des neuen Schuljahres bleiben.
***
Martin bewegte sich durch seine Schulzeit ähnlich einer zähen, klebrigen Masse, die mit genügend Kraft in jede beliebige Form gepresst werden konnte, darin jedoch nie besonders elegant aussah – die Luftblasen aufwies, und die, ließ man sie fallen, nicht etwa auseinander floss, sondern nur leicht eingedellt als plumper Klumpen liegen blieb.
Seit der Grundschule widerstand er stur und stumm den Aufforderungen, seine Hausaufgaben zu erledigen oder zu lernen – aber nur so lange, bis abzusehen war, dass dieser Widerstand in noch größere Anstrengungen ausarten könnte, als mit den von ihm erwarteten Leistungen verbunden waren. In der dritten Klasse war er einmal sitzen geblieben, und es war weniger die Tracht Prügel, die er dafür von seinem Vater erhielt, als die lästigen Nachhilfestunden und die langwierigen Gespräche, in denen er sich zu seinem Vergehen äußern sollte, die ihn davon überzeugten, dass ihm ein solcher Fehler nicht noch einmal unterlaufen dürfte, wollte er denn sein Leben in der gewohnten Ruhe fortsetzen.
So fiel er weder durch positive, noch durch allzu negative Leistungen sonderlich auf. Allerdings versetzte seine besondere Unfähigkeit, selbständig zu denken oder auch nur die gelernten Fakten zu abstrahieren oder aber sich zu ihnen eine Meinung zu bilden, zumindest die engagiertesten seiner Lehrer ein paar Mal in Sorge. Ein diesbezügliches Gespräch mit seiner Deutschlehrerin der sechsten Klasse überstand er durch stumpfsinniges Schweigen und Nicken genau an der richtigen Stelle. Sie entließ ihn mit nagenden Zweifeln daran, ob ihre Argumente überhaupt zu ihm durchgedrungen waren, und zugleich wachsender Unsicherheit, wie ihre Sorgen in einem Brief an seine Eltern formuliert werden könnten.
Letztendlich unterließ sie jegliche Unternehmungen, die sie zur Behandlung des Problems geplant hatte, und gab ihm, wohl aus schlechtem Gewissen über ihre eigene, durch sein Verhalten hervorgerufene Lethargie, eine Note, die seine Leistungen weit übertraf.
Auf Drängen seiner Eltern schaffte er gerade so die Zulassung zum Gymnasium, und es war abzusehen, dass er das Abitur ablegen würde, wenn auch mit sehr mittelmäßigen Leistungen.
Sport war Martin zuwider, und man sah ihm dies an.
Jedoch war er darauf bedacht, nicht so sehr zuzunehmen, dass er Opfer von Sticheleien seiner Mitschüler werden könnte, oder schlimmer noch, seine Mutter ihn auf Diät setzen würde. So war er, der an Körpergröße nur leicht den Durchschnitt der Jungen seines Alters übertraf, ziemlich kräftig ohne dabei fett zu wirken. Seine Gesichtszüge waren nicht unförmig oder grobschlächtig, noch weniger jedoch konnten sie als fein bezeichnet werden – ihn hässlich zu nennen wäre eine arge Übertreibung, auf die im Übrigen niemand käme, da seine Züge zu uninteressant für diese Bezeichnung waren.
Sein Haar war von einem dunklen, schmutzigen Grau-Braun, und wurde alle zwei Monate mit einem Rasierer gleichmäßig auf wenige Millimeter heruntergeschnitten.
An Freunden mangelte es ihm nie, da er sich problemlos in Gruppen einfügte, solange diese ihm kein eigenständiges Denken abverlangten. Er galt als angenehme Gesellschaft für all jene, die gern das erste und letzte Wort hatten, da er sie nie durch eigene Vorschläge störte. Um nicht diskutieren zu müssen, war er für alles zu haben, solange ihm nicht zu viel anstrengendes Handeln abgefordert wurde.
Zugleich war er so unauffällig, dass man ihn, wenn er aufgrund veränderter Machtverhältnisse an der Schule die Freunde wechselte, kaum vermisste, und seltsamerweise den Mangel an Loyalität auch nicht übel nahm. Er war eben so.
*
Der erste Schultag der zwölften Klasse begann mit einer schrecklichen Nachricht: Herr Seger, der Mathematiklehrer, war am vergangenen Abend tödlich verunglückt. Sechsundzwanzig Augenpaare richteten sich stumm und erschrocken auf Frau Jadrowski, die etwa fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn den Raum betreten hatte, um dem Grundkurs II Mathematik die schreckliche Nachricht zu verkünden.
Sechsundzwanzig Augenpaare – im Raum saßen aber achtundzwanzig Schüler.
Am letzten Tisch der Fensterreihe saßen Martin, der wie so oft ins Leere zu schauen schien, und Laura, die nach unten auf ihre Knie starrte. Woran Martin dachte ist fraglich, es ist sogar sehr gut möglich, dass er an gar nichts dachte. Immerhin bekam er von dem Mitgeteilten genau so viel mit, wie notwendig war, um nicht aufzufallen.
Laura dagegen dachte an jenen schicksalhaften Nachmittag vor nun beinahe zwei Wochen, an dem sie am Ufer des Leskower Sees mit ihrem Freund David Schluss gemacht hatte.
*
Dass es nicht irgendein Tag war, sondern ihr achtzehnter Geburtstag, schien die Sache nur noch schlimmer zu machen. Vielleicht waren es ja die hohen Erwartungen, die sie beide für diesen so symbolträchtigen Tag gehegt hatten, die schließlich zum Eklat führten. Schließlich sollte „es“ heute geschehen.
Lauras Eltern, die selbst für ihre ländliche Heimat recht konservativ waren, hatten dem Mädchen schon früh eingeprägt, dass verfrühter Geschlechtsverkehr unabsehbare psychologische Folgen haben könnte – abgesehen einmal von dem Risiko einer Schwangerschaft.
Als dann vor etwas über einem Jahr ihre Beziehung mit David immer ernsthafter wurde, teilte sie ihm mit, dass vor ihrem eigenen achtzehnten Geburtstag keineswegs etwas laufen würde. David selbst war eine Klasse über ihr und somit mehr als ein Jahr älter. Er war jedoch der verständnisvollste und geduldigste Partner, den sich Laura und auch ihre Eltern nur wünschen konnten. Seit einiger Zeit ging denn das Vertrauen von Lauras Eltern sogar soweit, dass sie die Tochter bis spät abends ausgehen ließen, wenn denn der Freund dabei war.
In engeren Freundeskreisen sprachen sie bereits scherzhaft von ihrem „Schwiegersohn“. Wer sie gut kannte, spürte in ihren Worten die Hoffnung, dass es vielleicht eines Tages wirklich so sein sollte.
Dennoch hatten sich Laura und David an ihr Versprechen aneinander gehalten. Bis zu Lauras achtzehntem Geburtstag waren sie über Küsse und schüchternes Streicheln nicht hinausgegangen, obwohl auch Laura die eigene Weiblichkeit und die Sehnsucht nach jener größten Nähe zu ihrem Freund immer stärker in sich erwachen fühlte.
Dementsprechend groß waren denn auch beider Erwartungen an den Nachmittag des Geburtstages. Sie hatten bereits vor Wochen beschlossen, dass es an jenem Tag soweit sein sollte.
Laura feierte ihren Geburtstag nicht mit Freunden – schon seit Jahren tat sie das nicht mehr – sondern verkündete ihren Eltern, dass sie einen ruhigen Spaziergang im Wald wollte, nur sie und David. Es war Ende August, ein warmer und sonniger Tag. David hatte eine Decke und genügend Leckerbissen für ein Geburtstagspicknick mitgebracht, und so setzten sie sich an das Ufer des Sees und aßen.
Laura bekam allerdings kaum einen Bissen herunter – es lag eine kaum erträgliche Spannung in der Luft. Schließlich packten sie die Essensreste weg, und begannen sich so schüchtern zu küssen, als hätten sie sich gerade erst kennen gelernt.
Was dann geschah, wusste sie selbst nicht so genau. Auf einmal waren sie mitten in einem Streit. Wie war es dazu gekommen? Vage erinnerte sich Laura, dass David ein Armband aus der Tasche zog – angeblich hatte er es gerade erst gefunden, an eben dieser Picknickstelle – und es Laura schenken wollte.
Und dann? Aus irgendeinem Grund wollte sie das Armband nicht. Sie war wütend auf ihn gewesen, hatte ihm die seltsamsten Vorwürfe gemacht. Warum nur? Es war, als sei sie nicht sie selbst gewesen. Schließlich war sie davon gerannt, aus dem Wald, sie wollte ihn nie wieder sehen.
*
Eine leichte Berührung an ihrem Arm riss Laura aus den Gedanken. Sie sah auf. Martin. Er blickte sie mit seinem typischen, undefinierbaren Gesichtsausdruck an.
Oh, wie sie ihn hasste – Laura hatte seit dem ersten Schultag am Gymnasium eine starke Abneigung gegen diesen Jungen. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit ihm, da war sie sich sicher. Er war nicht einfach nur dumm und unterwürfig, es war mehr. Er war ekelhaft. Es war ihr unangenehm, dass er sie eben berührt hatte. Warum saß sie eigentlich neben ihm? Es war wohl der einzige freie Platz gewesen, überlegte sie.
„Hast du nicht gehört?“ fragte Martin.
„Was!?“ Lauras Ton war schärfer als geplant.
„Herr Seger ist tot. Wir können nach Hause gehen. Morgen gibt’s eine Gedenkveranstaltung, dann geht der Unterricht normal weiter, sobald eine Vertretung gefunden ist. „
Laura sah sich um. Frau Jadrowski stand nahe der Tür und unterhielt sich mit ein paar Schülern. Sie alle schauten sorgenvoll, eine Schülerin wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
Die Anderen im Raum packten stumm und ernst ihre Bücher wieder in die Taschen und Rucksäcke.
Erschrocken wandte sich Laura zurück zu Martin. Doch der war bereits auf dem Weg zur Tür.
*
Die Gedenkveranstaltung begann um zehn. Sie dauerte zwei Stunden, danach sollte es noch ein paar Stunden Unterricht geben, schließlich musste das neue Schuljahr ja irgendwann beginnen. Es war laut in der Aula, so dass der Direktor lautstark um Ruhe bitten musste – für rund die Hälfte der Schüler, diejenigen, die nie Unterricht mit Herrn Seger gehabt hatten, war die Veranstaltung nichts weiter als eine willkommene Ablenkung in jenen so frustrierenden ersten Schultagen direkt nach den großen Ferien.
Laura saß nahe der Tür im hinteren Teil der Aula und starrte auf ihre Knie. Sie trug einen dunklen, knielangen Rock, normalerweise zog sie Hosen vor, aber es schien ihr heute ein Anlass, sich ein wenig hübscher und zugleich gemäß der Trauer schwarz anzuziehen. Das Gefühl, jemand beobachte sie, ließ sie unruhig werden, und sie sah sich im Saal um. Etwa fünfzehn Meter von sich entfernt entdeckte sie David. Der Direktor begann gerade mit seiner Rede, es war endlich still geworden im Saal, und David schaute nach vorne, schien aufmerksam zuzuhören.
Laura glaubte zu erkennen, dass er blass war und leichte Ringe unter seinen dunklen Augen hatte. Aber das war Unsinn, er saß zu weit weg, um so etwas zu erkennen. Sie wandte sich ab.
Die Stimme des Direktors, die an das Leben des Lehrers erinnerte, der selbst schon hier zur Schule gegangen war, bedrückte sie. Sie hatte Herrn Seger gemocht. Er war nicht mehr jung, zumindest nach Ansicht der Schüler, und es schien ihm zugleich an Welterfahrung zu mangeln – aber gerade das brachte ihn den Schülern näher.
Auch sie hatten schließlich zum Großteil das Städtchen noch kaum verlassen, und konnten den kleinbürgerlichen Konservativismus des Lehrers gut nachvollziehen. Er entsprach dem, was sie von Kindheit an kannten. Laura selbst war nicht besonders gut in Mathematik. Da der Lehrer aber früher in dieselbe Klasse wie ihre Mutter gegangen war, brachte ihr schon das ein paar Extrapunkte und ein freundliches Lächeln jeden Morgen, wenn der Lehrer die Klasse betrat.
Sie konnte hier nicht länger sitzen, sie wollte sich nicht jede Sekunde daran erinnern, dass jemand gestorben war, den sie kannte.
Das letzte Mal war dies geschehen, als sie fünf war, und ihr Großvater starb, die anderen Großeltern lebten noch. Sie wollte nichts davon hören, und außerdem musste sie mal.
*
Laura verließ die Toilettenräume und wanderte die leeren Hallen entlang zurück zur Aula. Die Schule war vor wenigen Jahren renoviert worden, und noch hatten es die Schüler nicht geschafft, den Eindruck klinischer Sauberkeit von den weißen Wänden, grauen Türen und gelblichen Linoleumfußböden zu löschen.
Gewiss gab es ein paar Schmierereien an den Wänden, doch zumeist wurde der Übeltäter ausfindig gemacht und musste seine Untaten selbst überstreichen.
Laura blieb an einem Fenster stehen und schaute auf den Hof. Sie blickte genau auf die Fahrradständer, die nie für alle Räder ausreichten. Ein Chaos aus Reifen und bunten Rahmen, stehenden und umgefallenen Fahrrädern, türmte sich um sie. Dahinter ein paar Bäume, zwischen denen der Leskower See hervorblitzte.
Der Wald war auf der anderen Seite des Sees. Die Sonne schien, der Himmel war auch jetzt im September noch blau, ohne Rücksicht auf die Trauerveranstaltung in der Schule.
Wieder hatte Laura das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie wandte sich um. Der Gang war leer, nicht einmal Fußtritte waren zu hören. Ihr Blick fiel auf die große Uhr, die am Ende des Ganges an der Wand hing. Fast zwölf. Sie hätte nicht gedacht, dass bereits so viel Zeit vergangen war – hatte sie die Trauerveranstaltung nicht schon kurz nach Beginn verlassen? Und sie war ja wohl kaum über eine Stunde auf der Toilette gewesen.
Nun gut, es lohnte sich wohl nicht mehr, zur Aula zurückzukehren. Statt dessen könnte sie sich am Automaten im zweiten Stock eine Cola holen, und dann darauf warten, dass die anderen die Aula verließen, um sich unter sie zu mischen und mit ihnen zum Unterricht gehen. Ja, eine Cola wäre eine gute Idee, sie hatte Durst und einen komischen Geschmack im Mund.
*
Innerhalb weniger Tage hatte sich der Schulalltag wieder auf seinen normalen Rhythmus eingespielt, die traumatische Nachricht jenes ersten Schultags schien vergessen.
Eine Zeitungsmeldung verkündete, dass der Mathematiklehrer Herr Seger am Mittwoch nur im Kreise seiner engsten Angehörigen beigesetzt worden war. Keiner von ihnen lebte in der Stadt, und daher gab es kaum Augenzeugenberichte des Begräbnisses. Sein Unterricht am Gymnasium wurde zunächst provisorisch von einer schon seit etlichen Jahren pensionierten älteren Dame übernommen, die früher einmal für ihre Strenge bekannt gewesen war, sich inzwischen jedoch mehr noch durch Zerstreutheit auszeichnete. Sie empfand das Unterrichten als willkommene Abwechslung in ihrem recht einsamen Rentnerdasein und hatte sich nur zu gerne bereiterklärt, die Stelle auszufüllen, bis die Schulverwaltungsbehörden einen angemessenen Ersatz schickten.
Laura stellte zu ihrer Überraschung fest, dass sie in beinahe allen Unterrichtsfächern neben Martin saß. Sie war sich nicht sicher, wie es dazu gekommen war, es wurde ihr immer erst dann bewusst, wenn es für einen Platzwechsel schon zu spät war.
Sie machte sich jedoch nicht allzu viele Gedanken darüber, denn sie hatte andere Sorgen: Obwohl sie beschlossen hatte, sich nicht zu viel aus dem Ende ihrer Beziehung zu machen – es entsprach nicht ihrer Vorstellung von sich selbst, dass sie zu sehr unter einer Trennung litt – wanderten ihre Augen ständig nach David suchend über den Schulhof und die Wiese neben dem Schulgebäude.
Sie sah ihn jedoch selten, fragte sich manchmal gar, ob er vielleicht die Pausen drinnen verbrachte, um ihr aus dem Weg zu gehen.
Weiterhin jedoch schien die Trennung sogar Auswirkungen auf ihre schulischen Leistungen und ihr allgemeines psychisches Wohlbefinden zu haben. Anders konnte sich Laura nicht erklären, dass sie sich bei Fragen des Lehrers oder in Klassenarbeiten oft nicht einmal daran erinnern konnte, dass das genannte Thema jemals im Unterricht besprochen worden war.
Es schien ihr fast, als würden immer wieder kleine Stücke aus dem Unterricht fehlen, als würde sie mit ihren Gedanken so sehr abzuschweifen, dass sie Raum und Zeit vergaß.
Außerdem war sie fast ständig müde. Einmal war sie gar in der Pause unter dem Baum am See so tief eingeschlafen, dass sie eine ganze Doppelstunde Geschichte verpasst hatte. Es war allen Schülern, die achtzehn Jahre oder älter waren, erlaubt, in den Pausen und Freistunden das Schulgebäude zu verlassen.
Da direkt neben der Schule eine große Wiese bis an den Leskower See heranreichte, an dessen Ufer dann ein paar Bäume Schatten spendeten, zog es die meisten Schüler in jenen letzten sommerlich warmen Tagen dorthin. In Grüppchen saßen sie im Gras, rauchten, besprachen Hausaufgaben, oder spielten Karten.
Da Laura erst kurz vor Beginn der zwölften Klasse achtzehn geworden war, hatte sie bisher keiner dieser Gruppen angehört. Sie zog jedoch meist die Einsamkeit der Gesellschaft anderer vor, und setzte sich daher gerne unter einen der Bäume fast direkt am Ufer, schaute auf das Wasser hinaus oder las.
Dabei nickte sie ein, und als sie an jenem Tag wieder erwachte, stellte sie fest, dass die Wiese vollkommen leer war, alle Schüler befanden sich im Gebäude. Ein Blick auf das Handy verriet ihr, dass sie beinahe zwei Stunden geschlafen hatte. Statt Erholung fühlte sie jedoch nur eine noch größere Erschöpfung. Aus den leichten Schmerzen, die ihr das Laufen zurück ins Schulgebäude – was soll ich nur der Lehrerin sagen? – bereitete, schloss sie, dass sie wohl recht unbequem gelegen haben musste.
Allerdings war sie doch in der folgenden Unterrichtsstunde, Mathematik bei der Vertretungslehrerin, zu größerer Konzentration fähig, als dies bisher meist der Fall gewesen war, nicht ein einziges Mal schweiften ihre Gedanken ab.
*
Der September fand wie jedes Jahr im Leskower Schlossfest seinen Abschluß.
Außenstehenden war es oft schwer nachvollziehbar, warum die kleine Stadt ihr mittelalterliches Spektakel als Schlossfest betitelte, wenn es doch in der Umgebung des Leskower Sees nicht einmal die Ruine eines Schlosses gab.
Wie jedes Jahr aber waren die Geschichts- und Deutschlehrer sehr bemüht, den Schülern die Legende, die diesen Umstand erklärte, näher zu bringen. Die Erklärungsversuche wurden inzwischen längst mit gelangweilten Seufzern begrüßt, dennoch sahen alle mit Freude den Festlichkeiten entgegen, die mit dem Wetttauchen der jungen Männer im schon kalten See ihren Höhepunkt fanden, und gleichzeitig die Badesaison offiziell abschlossen.
Laura hatte nicht vor, dieses Jahr überhaupt zum Festival zu gehen.
Sie kannte alles schon in- und auswendig: die mittelalterlich angehauchten Kostüme, die Unmengen Bratwürste und Bier, die Reden. Außerdem ging ihr immer wieder durch den Kopf, wie sie letztes Jahr mit David hier gewesen war. Und David hatte sich vor einigen Monaten schon für das dies jährige Wetttauchen angemeldet. Damals hatte er versprochen, er werde für sie gewinnen. Ob er wohl noch immer daran teilnehmen würde? Laura jedenfalls wollte ihn gewiss nicht tauchen sehen.
Im Haus bleiben konnte sie aber auch nicht.
Ihren Eltern war aufgefallen, wie seltsam sie sich in letzter Zeit benahm. Auch dass David nicht mehr zu Besuch kam, hatten sie gemerkt. Ihrer Meinung nach brauchte die Tochter nun Ablenkung, und sie bestanden darauf, dass sie aus dem Haus und ihrer Meinung nach zum Fest ging.
Stattdessen wanderte Laura ziellos durch die Straßen. Ihr entgegen kamen Familien, die in Richtung See, zur Festwiese, gingen. Aber je weiter sie sich vom Veranstaltungsort entfernte, desto ausgestorbener wurden die Straßen.
Laura genoss die Stille, und ließ ihre Gedanken schweifen.
Und plötzlich, sie wusste selbst nicht, wie es gestehen war, stand sie an der Festwiese. Auf einer Bühne spielten ein paar Kinder gerade die Legende von der Prinzessin im Leskower Schloss, die sich in einen Zauberer verliebte, der aber böse war und Prinzessin samt Schloss auf den Grund des Sees sinken ließ, dann selbst auch verschwand, vielleicht im selben See, um die Prinzessin nur für sich zu haben.
Am Ufer machte sich eine Gruppe junger Männer zum Wetttauchen bereit.
Mit Herzklopfen entdeckte Laura David unter ihnen. Seine dunklen Haare waren vom Wind zerzaust, sein Oberkörper war, obwohl es schon Herbst war, noch sommerlich braungebrannt. An seinem Arm glitzerte etwas. Laura erkannte das Armband, dass er ihr hatte schenken wollen.
Die breite, etwas unförmige und bleiche Figur neben David überraschte Laura – es war Martin.
Nun, auch Martin war neunzehn Jahre alt, und hatte somit das Mindestalter zur Teilnahme am Wetttauchen erreicht. Aber nie hätte Laura oder irgendjemand anders damit gerechnet, dass Martin freiwillig an etwas so Anstrengendem teilnehmen würde, noch dazu den Blicken der ganzen Stadt ausgesetzt. Aber da war er nun. Ihn nur in Shorts zu sehen, und mit einer Kette mit Amulett, die er um den Hals trug, ließ ihn Laura noch unangenehmer erscheinen, als er ihr ohnehin schon war.
Obwohl nicht besonders dick, erinnerte er sie irgendwie an Pudding.
Laura trat näher heran, zwischen die anderen Zuschauer. Da sie nun schon einmal hier war, konnte sie auch zusehen.
Des Bürgermeisters Stimme tönte aus Lautsprechern über die Wiese und erklärte für Besucher und für Einheimische, die vielleicht seit dem letzten Jahr alles vergessen hatten, die Regeln des Wetttauchens: Ein Kästchen mit einem Preis war in etwa drei Metern Tiefe, in einem eingeschränkten Bereich des Sees, versenkt worden.
Die Wetttauchenden mussten unter Wasser danach suchen – das durch das Kästchen symbolisierte Schloss „befreien“. Zum Dank durften sie es dann behalten, und erhielten außerdem einen Kuss von der „Prinzessin“, einer Elftklässlerin mit langen blonden Haaren und eingefrorenem Lächeln, die im mittelalterlichen Kleid neben dem Bürgermeister auf der Tribüne stand, und in einem dem Festival vorangehenden Wettbewerb zur dies jährigen Schönheitskönigin gekürt worden war.
Dann gab der Bürgermeister das Signal zum Beginn des Tauchwettbewerbes.
Die etwa 18 jungen Männer, die da am Ufer standen, rannten schnell ins kalte Wasser des Sees, warfen sich nach vorn, und schwammen auf den für den Wettbewerb mit Bojen markierten Bereich zu. Gleich mehrere von ihnen jedoch schienen ihre Schwimmbewegungen nur schwer koordinieren zu können. Sie schwammen auffällig langsam, oder aber in eine ganz falsche Richtung, und so erreichten am Ende nur drei Jungen den Bereich, in dem das Kästchen sich befand – sowohl Martin als auch David waren unter ihnen.
Die anderen Teilnehmer waren zu weit entfernt, um noch eine Chance zu haben, und gaben daher auf.
Wie auf Kommando tauchten die Drei nun gleichzeitig ins Wasser ein – es war eine Sache von Geschicklichkeit wer zuerst den Grund erreichte, und eine Sache von Glück, wer dann auch wirklich das Kästchen zuerst im dunklen Wasser des Sees finden würde. Die Leute am Strand jubelten ihnen zu, riefen den Namen ihres Favoriten, wenn sie jemanden der drei kannten.
Nach etwa einer Minute wurden die Jubel leiser und nach und nach von einem besorgten Gemurmel ersetzt. Sollten die Taucher nicht längst wieder an der Oberfläche sein, einer von ihnen mit dem Kästchen in der Hand? Doch der See lag still da. Laura hielt den Atem an.
Dann, endlich, tauchte ein Kopf aus dem Wasser: Martin, und im nächsten Moment hielt er triumphierend das Kästchen in die Höhe.
Ein paar Leute begannen erleichtert zu jubeln, und der Jubel wurde lauter, als einige Sekunden später auch Davids Kopf an der Oberfläche erschien. Beide begannen auf das Ufer zuzuschwimmen.
Aber noch fehlte ein Taucher, Erleichterung und Jubel ließen schnell wieder nach und machten gespanntem Schweigen Platz. Minute um Minute verstrich, aber der dritte Taucher tauchte nicht wieder auf.
*
Der dritte Taucher hieß Peter Grabow, war zwanzig Jahre alt, und wollte ab Oktober Sport und Geographie auf Lehramt studieren.
Schwimmen und Tauchen war schon immer seine Spezialität gewesen, teilte die schluchzende Mutter wieder und wieder jedem in ihrer Umgebung mit.
David und Martin sagten aus, dass keiner von ihnen Peter auch nur angefasst habe. Er sei dort mit ihnen unter Wasser gewesen, habe aber den Grund zu weit vom Kästchen entfernt erreicht. Als sie wieder auftauchen wollten, habe es ausgesehen (insofern sie dass unter Wasser, noch dazu in so dunklem Wasser wie das des Leskower Sees erkennen konnten) als ob er noch immer den Grund des Sees absuche.
David fügte noch etwas hinzu. Es habe beinahe so ausgesehen, als wollte Peter nicht wieder in Richtung Oberfläche schwimmen.
Nachdem die Leiche geborgen worden war, musste die Aussage der beiden bestätigt werden – nichts wies darauf hin, dass Peter unter Wasser irgendeinen Kampf hätte ausstehen müssen. Es schien, als sei er einfach weiter den Grund des Sees entlang geschwommen, bis er eben gestorben wäre.
Die Siegeszeremonie wurde nicht abgehalten.
Martin sah dennoch recht zufrieden mit seinem Sieg aus. Er hielt das Kästchen fest, wollte niemandem den Inhalt zeigen – aber es fragte sowieso kaum jemand danach, alle waren mit Theorien um Peters Tod und eventuellem Selbstmord beschäftigt. Dass er keinen Kuss von der Prinzessin in Mittelalterkleid und mit Werbeplakatlächeln erhielt, schien Martin nichts auszumachen.
Laura schaute sich nach David um. Er war auf dem Weg in die Umkleideräume. Stumm, und mit einem verstörten Gesichtsausdruck.
*
Vielleicht zwei Wochen waren seit dem Fest vergangen. Der Oktober brachte kalten Wind und viel Regen mit sich, die Bäume verloren ihre Blätter beinahe über Nacht.
Laura konnte sich im Unterricht besser konzentrieren. Ständig müde war sie allerdings immer noch. Ihre Eltern sahen jetzt jedoch den Grund darin in dem Schock, einen ehemaligen Schüler ihrer Schule ertrinken gesehen zu haben. Die meisten Leute der kleinen Stadt waren erschüttert, und auch Laura nahm sich das Ereignis bestimmt zu Herzen, hatte wahrscheinlich Alpträume und daher wenig erholsamen Schlaf.
Tatsächlich erwachte das Mädchen oft verschwitzt und mit rasendem Herzen. In jener Oktoberacht war es das Klappern ihres Schlafzimmerfensters, das sie weckte. Wie immer fühlte sie sich mehr angestrengt als erholt. Sie war verschwitzt und doch war ihr kalt. Einige Momente lang lauschte sie dem Klappern des Fensters, ehe sie wusste, woher das Geräusch kam. Dann erhob sie sich, um das Fenster zu schließen. Durch die Bewegung erwachte sie vollständig, und durchforschte ihre Erinnerung an den vergangenen Abend.
Sie hatte das Zimmer gelüftet, ja, aber sie konnte sich auch deutlich daran erinnern, dass sie danach das Fenster wieder geschlossen hatte.
Laura machte das Licht an und sah sich im Zimmer um. Auf dem Boden, zwischen dem Fenster und ihrem Bett, entdeckte sie ein paar kleine, dunkle Flecken auf dem Boden. Sie hockte sich hin, um sie näher zu untersuchen. Ein wenig Schlamm, ein paar Wassertropfen, ein feuchtes Blatt, angeordnet in der Form eines schlanken Fußabdrucks.
Sie setzte sich hin, um ihre eigenen Füße untersuchen zu können. Zwischen ihren Zehen steckte ein wenig Schlamm, auch die Sohlen waren schmutzig, an einer Ferse klebte ein weiteres, halb verfaultes Blatt.
*
Laura begann, Angst vor dem Schlaf zu haben. Sie hatte auch Angst vor dem Wachsein, und vor allen Dingen vor der Schule. Krankheit und Fieber schienen der einzige Ausweg. In einem halbwachen Zustand lag sie im Bett, und wehrte sich gegen den Schlaf, der sie doch irgendwann immer wieder übermannte.
Und wie schon zuvor, fühlte sie sich beim Erwachen nicht erholt, sondern es schien, dass ihr Fieber jedes Mal nur noch mehr anstieg.
Ihre Eltern blickten besorgt auf ihre Tochter, wann immer sie das Zimmer betraten und ihr ein Fieberthermometer, eine Schüssel zum Inhalieren, oder etwas zum Essen oder Trinken brachten. Als die Mutter auf dem Weg zur Arbeit kurz an der Schule angehalten hatte, um Lauras Krankenschein vorzuweisen, war sie von der Englischlehrerin angesprochen wurden.
Man kannte sich, wie es nun einmal war in solch einer kleinen Stadt, und so konnte die Lehrerin die Mutter sofort als zu Laura gehörig einordnen und sie somit über den beängstigenden Leistungsabfall der ehemals so guten Englischschülerin informieren.
Laura war das einzige Kind ihrer Eltern, und auch was die Bildung betraf, setzten diese hohe Hoffnungen in sie. Je länger jedoch das Fieber der Tochter anhielt, um so mehr trat die Sorge um Lauras Leistungen zurück, die Gesundheit hatte natürlich Vorrang.
Laura selbst kämpfte weiter gegen den Schlaf. Zwar konnte sie sich beim Erwachen nie an ihre Träume erinnern, aber dennoch war da so ein unangenehmes Gefühl, als hätte sie Alpträume gehabt. Vage Erinnerungen schwebten in ihren Gedanken, die sie fast greifen konnte. Doch bevor sie irgendeine Form annahmen, verschwanden sie ganz. Sie schaffte es immer häufiger, irgendwann in den frühen Morgenstunden aus dem Schlaf zu schrecken. Alles war so wie am Abend zuvor – auch das Fenster fand sie nie mehr offen vor.
Der Oktober neigte sich dem Ende, der November brachte Stürme und schlechtes Wetter mit sich. Laura war beinahe froh, krank zu sein und nicht hinaus in den Regen zu müssen. Dennoch erkältete sie sich zusätzlich zu ihrem Fieber, und nieste und hustete den ganzen Tag. Nur nachts, im Schlaf, hörten ihre Eltern keine Hustenausbrüche.
*
An jenem Sonntag kämpfte sie wie immer lange gegen den Schlaf an.
Als er sie dann doch zu besiegen schien, setzte sich der Kampf irgendwo in einer Ecke ihres Gehirnes fort. Ohne sich dessen bewusst zu sein, versuchte sie verzweifelt aufzuwachen. Schließlich gelang es – sie schreckte auf.
Nein, sie saß nicht in ihrem Bett. Sie stand schon. Ihre Augen brauchten ein paar Sekunden, um die dunkle, unerwartete Umgebung aufzunehmen. Es war kalt, und sie trug nur ein Nachthemd. Unter ihren Füßen befand sich kalter, nasser Matsch aus Regen, Erde, und verfaulten Blättern.
Um sie herum – Bäume. Sie befand sich im Wald, und glaubte irgendwo in einiger Entfernung den Leskower See dunkel zwischen den Stämmen zu sehen. Ein eisiger Wind wehte, und Regen klatschte ihr ins Gesicht.
Einige Sekunden stand Laura wie erstarrt. Dann schrie sie.
*
Laura erwachte in ihrem Bett. Es schien ihr, als seien nicht mehr als einige Sekunden vergangen, seit sie in den Wald hinein geschrieen hatte.
Ein Blick auf das Fenster jedoch verriet ihr, dass es bereits spät am Morgen war – im Wald war es noch dunkle Nacht gewesen.
Ein Traum? Laura glaubte, den Wind, den Regen, den Schlamm unter ihren Füßen zu deutlich gespürt zu haben. Außerdem hatte sie sich in den letzten Wochen nie an ihre Träume erinnern können.
Laura untersuchte Fußboden, ihre eigenen Füße. Oberflächlich schien alles in Ordnung, aber zwischen ihren Zehen befanden sich wieder winzige Schlammreste.
Als habe sie sich die Füße gesäubert, sei aber nicht gründlich genug gewesen.
Sie war sich nicht sicher, begann, ihren Körper weiter zu untersuchen – den Oberkörper, die Beine. Als sie an ihrem Hintern anlangte, zuckte sie leicht zusammen. Die Berührung ihrer Finger direkt auf den Anus tat weh. Die Umgebung fühlte sich leicht geschwollen an.
Umso mehr Laura darüber nachdachte, um so sicherer war sie sich, dass sie vor einigen Wochen ein leichtes Stechen beim Verrichten ihrer Notdurft gespürt hatte, das aber mit der Zeit nachließ.
Und jetzt, dessen war sie sich sicher, würde Nummer Zwei ihr bestimmt Schmerzen bereiten.
*
Langsam ging es ihr wieder besser – Laura wusste selbst nicht genau, ob das – was auch immer es war – was mit ihr geschah, seltener wurde seit jener Nacht, oder ob es vielleicht ihr Wunsch war, gesund zu werden. Sie wollte die Kraft haben, die sie brauchte, um herauszufinden, was da vor sich ging.
Und seit sie wieder aufstehen konnte, sich an ihren Computer setzen und diverse Seiten mit elektronischen Geräten im Internet durchforsten konnte, wusste sie, was sie noch dazu brauchte. Aber das kostete einiges: Ein kleines, digitales Diktiergerät schien ihr die beste Idee. Eines mit genug Speicher, mehrere Stunden aufnehmen zu können.
Selbst konnte sie das nicht kaufen, aber Weihnachten wäre schon irgendwann da. Sie musste bloß ihre Eltern davon überzeugen, ihr genau das zu schenken.
Und das war leichter als gedacht – sie waren froh, ihre Tochter munterer und ohne Fieber wieder bei den gemeinsamen Mahlzeiten am Tisch zu haben. Selbst eine Rückkehr in die Schule in baldiger Zeit schien absehbar. Und dass Laura auf einmal die Idee einer journalistischen Laufbahn in Erwägung zog, kam ihren ehrgeizigen Vorstellungen von der Zukunft des Kindes eigentlich nur entgegen. Ein Diktiergerät, um vielleicht schon jetzt für die Schülerzeitung oder ähnliche Medien arbeiten zu können? Nun gut, warum eigentlich nicht.
Aber bis Weihnachten sollte sie dennoch warten müssen.
*
Laura kehrte zwei Wochen vor Beginn der Weihnachtsferien in die Schule zurück. Nur wenige Mitschüler schienen ihre Abwesenheit bemerkt zu haben, sie war nie besonders auffällig gewesen, und so konnte sie sich ohne Fragen in den Schulalltag eingliedern. Ein paar Lehrer fragten nach ihrer Gesundheit, aber selbst sie stellten sich mit vagen Antworten zufrieden. Alles schien wie immer.
Nur als sie das erste Mal wieder das Schulgebäude betrat, entdeckte sie David, der ihr einen undefinierbaren Blick zuwarf, und sich dann rasch umdrehte und davonging. Laura hatte ihn inzwischen seit mehreren Wochen nicht gesehen, und im Grunde auch wenig an ihn gedacht. Aber dieser Blick, die Sekunde, die sie in seine dunklen Augen blickte, ließen ihr einen Blitz in die Magengrube fahren.
Eine seltsame Sehnsucht schmerzte in ihr, als Laura ihr Klassenzimmer betrat und sich auf den gewohnten Platz setzte.
Erst nach einiger Zeit nahm sie wahr, dass Martin fehlte. Da sie jedoch auch in der Zeit, da sie neben ihm saß, selten ein Wort mit ihm gewechselt hatte, dachte sie kaum darüber nach.
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Weihnachten kam, ohne dass irgendetwas Besonderes geschehen wäre. Laura fühlte sich inzwischen wieder ganz gesund. In den Ferien fuhr sie über Neujahr mit ihren Eltern zu einer Tante in Bayern, eine Art Familientradition, an der sie ohne Protest jedes Jahr teilnahm.
Immerhin hatte sie dort die Möglichkeit, Ski zu fahren. Die Landschaft zu Hause erlaubte dies nicht.
Laura hatte das gewünschte Geschenk erhalten, und noch einige Bücher über Journalismus und gutes Schreiben – sie bereute ihren Wunsch jedoch fast, denn seit jener Nacht im Wald war nichts dergleichen mehr geschehen. Sie fühlte sich erholt nach dem nächtlichen Schlaf, und in den letzten Unterrichtswochen, an denen sie vor den Weihnachtsferien noch teilgenommen hatte, konnte sie sich problemlos konzentrieren.
Sie war wieder vollkommen gesund, und die winterliche Luft im verschneiten Bayern tat ihr gut.
***
Am ersten Unterrichtstag im neuen Jahr war auch Martin wieder da. Als Laura das Klassenzimmer betrat – es war Montagmorgen, und die Woche begann wie immer mit dem Mathematikunterricht – saß er bereits auf seinem Platz in der letzten Bank der Fensterreihe. Er blickte hoch als Laura auf ihren Platz zuging, und als er sie sah, lächelte er.
Unwillkürlich lächelte sie zurück. Im nächsten Moment musste sie daran denken, wie falsch und unangenehm sein Lächeln doch aussah. Dennoch war sie überrascht. Lächeln war nichts, was Martin besonders oft tat.
Die erste Hälfte der Unterrichtsstunde verlief ausgesprochen gut. Laura war erholt und arbeitete konzentriert mit. In den Ferien hatte sie sich an den Abenden den während ihrer Krankheit verpassten Stoff selbst erarbeitet. Obwohl Mathematik gewiss nicht ihr Lieblingsfach war, konnte sie sich doch häufig melden und richtige Antworten geben.
Dann jedoch begannen ihre Gedanken erneut abzuschweifen. Beim Klingeln schreckte sie auf – sie hatte keine Ahnung, was die Lehrerin während der letzten zehn Minuten erklärt haben könnte. Außerdem tat ihr der Hintern mehr weh, als dies der harte Holzstuhl rechtfertigen könnte. Im Grunde fühlte es sich so an, als habe sie jemand ziemlich kräftig dort hinein gekniffen. Nachdenklich wanderte Laura zum nächsten Unterrichtsraum. Geschichte. Eines der Fächer in denen sie selbst im Oktober keine Probleme gehabt hatte.
Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass Martin nicht in ihrem Geschichtskurs war. Doch auch der Englischleistungskurs, und der Kunstunterricht danach verliefen ohne besondere Vorkommnisse.
Dennoch war Laura besorgt, und als sie abends ins Bett ging, beschloss sie, dass es nun vielleicht an der Zeit wäre, ihr neues Diktiergerät auszuprobieren. Sie hatte schon vor längerer Zeit eine versteckte kleine Tasche an die Innenseite ihres Nachthemdes genäht, gerade groß genug um das winzige Diktiergerät darin zu verstecken.
Gegen elf Uhr abends schaltete sie es ein – in acht Stunden würde sie aufstehen müssen, und für diese Zeit genügte der Speicherplatz des Gerätes ohne Probleme.
***
Als Laura am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich so müde wie schon lange nicht mehr. Außerdem nieste und hustete sie. Draußen war es noch fast dunkel, und in der Dunkelheit tanzten Schneeflocken.
Am liebsten hätte sie sich sofort an den Computer gesetzt, um die Aufnahmen ihres Diktiergeräts auszuwerten, doch zunächst musste sie einen weiteren, langen Schultag über sich ergehen lassen – Martin saß zwar neben ihr, und blickte sie einige Male mit seinem seltsam verschwommenen Blick an, doch ansonsten verlief der Tag ruhig.
Sobald sie wieder zu Hause war, machte sie sich an die Auswertung ihrer nächtlichen Aufnahmen. Ihre Eltern waren noch auf der Arbeit. Dennoch hätte Laura normalerweise zunächst ihre Hausaufgaben erledigt, sie war sich ihrer Pflichten bewusst. Doch die Neugier und auch ihre Angst war stärker.
Lange Zeit war nichts zu hören als ihr eigener, ruhiger Atem, und hin und wieder ein leichtes Knarren des Bettes, wenn sie sich um Schlaf umdrehte.
Dann jedoch, nach Lauras Rechnung etwa um Mitternacht, knarrte das Bett stärker. Es war alt und aus Holz, machte also immer Geräusche. So laut aber war es eigentlich nur, wenn sie sich darin aufsetzte. Dann war es wieder still, doch wenn sie ganz genau hinhörte, glaubte Laura das Geräusch von leisen Schritten zu hören, und dann ein Knacken, wie das Öffnen ihres Fensters. Im nächsten Moment war ein dumpfer Aufprall zu hören, und dann wieder Schritte – diesmal lauter, denn sie knirschten im Schnee.
Lauras Herz klopfte ihr bis zum Hals ob dieser Erkenntnis: Dann war es also tatsächlich keine Einbildung gewesen. Sie hatte ihr Zimmer letzte Nacht verlassen, und also hatte sie dies wohl auch im Oktober und November getan. Das Erwachen mitten im Wald war kein Traum gewesen.
Mit glühendem Gesicht hörte sie der Aufnahme weiter zu.
Längere Zeit hörte sie nichts als die Schritte im Schnee, die sie als ihre eigenen vermutete.
Irgendwann jedoch veränderte ihr Klang sich wieder – als ob sie sich in einem Raum befände. Und dann, plötzlich, war da eine Stimme. Ihr Klang wirkte seltsam hohl, wahrscheinlich ein Effekt des Diktiergeräts: „Hallo Laura, da bist du ja endlich. Wie schön dich zu sehen. „
Laura konnte nicht anders, sie musste die Aufnahme erst einmal abbrechen. „Wasser!“ dachte sie. „Ich brauch ein Glas Wasser. “ Sie rannte in die Küche, froh, dass ihre Eltern noch immer nicht da waren und ihr Fragen stellen konnten.
Sie war sich sicher, dass sie bleich im Gesicht war. Mit zitternden Fingern holte sie ein Glas aus dem Küchenschrank, und hielt es unter den Wasserhahn. Sie ließ es ganz vollaufen, und trank es dann in einem Zug aus. Danach fühlte sie sich ein wenig besser. Sie lehnte sich gegen die Wand gegenüber dem Waschbecken und blickte einige Momente aus dem Fenster nach draußen, in die Dunkelheit. Sie musste erst einmal nachdenken. Doch da hörte sie ein Knacken im Türschloss.
Es war fast fünf, ihre Mutter kam immer um diese Zeit zurück. Schnell, bevor sie in der Küche angetroffen werden konnte, zog sich Laura wieder in ihr Zimmer zurück. Bis zum Abendessen hatte sie immer noch über zwei Stunden, und in dem Glauben, dass sie wohl lernte oder las, würde ihre Mutter sie bestimmt in Ruhe lassen. Laura musste wissen, was auf der Aufnahme weiter geschah.
Doch es war schwer, die übrigen Geräusche zu interpretieren.
Martin – war er es wirklich? Laura war sich nicht sicher – sagte nichts mehr. Doch Laura hörte ein schweres Atmen, das musste er sein. Nach wenigen Momenten erklang ein dumpfer Aufprall, so als sei das Diktiergerät selbst zu Boden gefallen. Aber es war doch in ihrem Nachthemd! Auch der Atem war jetzt weiter weg, und weniger laut zu hören. Was folgte, waren weitere, unerklärbare Geräusche: Knarren und ein leises Bummern, Atem, der lauter wurde und irgendwann fast in ein leichtes Stöhnen überging.
Wieder schaltete Laura das Gerät aus. Sie konnte nicht mehr hinhören. Ihr war schlecht. Sie beschloss, die nächste halbe Stunde der Aufnahme zu überspringen – doch was danach folgte waren nur wieder Schritte im Schnee.
***
Laura wehrte sich an diesem Abend mit aller Heftigkeit gegen den Schlaf. Sie verbrachte Stunden im Wohnzimmer, bei ihren Eltern. Die sahen wie jeden Abend fern, und obwohl sich Laura nicht besonders für die Sendung interessierte, schaute auch sie zu.
Solange sie bei ihren Eltern war, war sie zumindest sicher. Doch irgendwann gingen auch sie zu Bett, und Laura war allein. Sie blieb im Wohnzimmer sitzen, entgegen der Ermahnungen ihrer Mutter, und schaute irgendeinen Spätabendfilm. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren, ihre Augen fielen zu. Letztendlich beschloss sie, sich in der Küche einen Kaffee zu machen. Sie stand auf und…
…Laura riss ihre Augen weit auf. Sie lag auf dem Boden.
Nicht auf dem Teppich im Wohnzimmer, oder den kalten Dielen in der Küche. Nein, sie lag auf einem schmutzigen Holzfußboden, irgendwo, sie wusste nicht wo. Sie lag da, auf dem Rücken, nackt, die Beine weit geöffnet – und jemand lag auf ihr. Nein, nicht nur auf ihr, in ihr.
Für einen merkwürdigen Augenblick schoss ihr der Gedanke durch den Kopf: „So also fühlt Sex sich an. “ Es tat nicht weh.
Sie war offensichtlich feucht genug, aber sie fühlte sich nicht erregt. Sie spürte nur, wie etwas – sein Schwanz, Glied, Geschlecht; ihr Hirn suchte in merkwürdiger Distanz zum Geschehnis nach dem passenden Wort – immer wieder heftig in sie gestoßen wurde.
Irgendwo über ihr schwebte Martins Gesicht. Schweiß stand auf seiner Stirn, er hatte die Augen geschlossen, und ein ekelhaft erregter Ausdruck umspielte seinen Mund. Er war nackt und seine Haut sah aufgeschwemmt und seltsam bläulich aus in der Dunkelheit.
Von seinem Hals baumelte das gleiche Medaillon, das er auch zum Tauchwettbewerb getragen hatte.
Laura erkannte all dies innerhalb weniger Sekunden, während derer ihr Körper gelähmt vor Schreck in dieser sich Martin darbietenden Stellung liegen blieb, ihn gewähren ließ. Dann schien sie aus ihrer Starre zu erwachen. „Nein!“ schrie sie, und schlug zugleich mit der flachen Hand gegen Martins Brustkorb. Das Echo ihres Aufplatschens auf seiner Haut hallte durch den Raum.
Martin öffnete seine farblos wirkenden Augen, und blickte sie erstaunt an, und…
… Laura lag in ihrem Bett. Das Fenster war geschlossen. Ihr Nachthemd klebte an ihrem verschwitzten Körper. Sie glaubte, eine klebrige Feuchte zwischen ihren Beinen zu fühlen.
Irgendwo in der Ferne schlug eine Kirchturmuhr vier Mal. Laura kletterte aus ihrem Bett und schwankte ins Badezimmer, um sich in die Toilette zu erbrechen.
***
Laura blieb den Rest der Nacht wach.
Sie untersuchte von neuem die Aufnahme, die sie in der Nacht davor mit ihrem Diktiergerät gemacht hatte. Sie schrieb sich den Zeitpunkt der wichtigsten, eindeutigsten Geräusche auf. Sie notierte alle merkwürdigen Ereignisse, derer sie sich seit Beginn des Schuljahres erinnern konnte.
Gegen sieben Uhr schließlich war sie fertig, und verließ das Haus, ohne zu frühstücken. „Ich habe einen Kurzvortrag heute, und muss dafür noch was vorbereiten“, rief sie ihrer Mutter zu.
Diese schaute zwar besorgt, gab sich aber dennoch zufrieden.
Laura wohnte etwa zehn Minuten vom Schulgebäude entfernt, und Unterrichtsbeginn war um acht. Genug Zeit also. Sie wandte sich in die entgegengesetzte Richtung. Ein wenig außerhalb des Städtchens, nicht allzu weit von Wald entfernt, befand sich die Hauptdienststelle der Polizei. Nur vier Polizisten arbeiteten in dem kleinen Städtchen, viel zu tun gab es sowieso nicht. Und Polizeichef war niemand anderes als Lauras Onkel.
Ob er ihr glauben würde?
Laura blieb vor der Tür der Polizeidienststelle stehen, zögernd. Sollte sie nun klingeln? In Gedanken ordnete sie noch einmal all ihre Beweise. Es klang verrückt. Eswarverrückt. Aber was sollte sie sonst tun? Und immerhin war sie schon seit ihrer Kindheit Onkel Stefans Liebling. Er selbst hatte keine Kinder. Lauras Mutter war seine einzige Schwester, einen Bruder hatte er nicht, und damit war Laura seine einzige Nichte.
Als sie vor einigen Jahren, während ihrer Pubertät, hin und wieder Probleme mit den Eltern hatte, war er ihre Vertrauensperson gewesen. Wenn ihr jemand helfen konnte, dann er.
Entschlossen erhob Laura ihre Hand, um die Klingel zu drücken. Hoffentlich war er schon auf Arbeit. Dann jedoch spürte sie einen Blick im Nacken…
… Laura saß auf ihrem Stuhl, im noch leeren Klassenzimmer – immerhin sollte der Unterricht erst in über einer halben Stunde beginnen.
Ihr Arm tat weh: Neben ihr saß Martin, und hielt ihren Arm fest hinter ihrem Rücken, schmerzhaft verdreht. Sein Gesicht war unangenehm nah an ihrem. Sie spürte seinen Atem, der nach Frühstücksei mit Zwiebeln roch. Seine Lippen berührten fast ihr Ohr.
„Wage es ja nicht!“ flüsterte er. Seine Stimme klang seltsam verzerrt, der gelangweilte Klang, mit dem er normalerweise jedes Wort dehnte, war verschwunden. „Es wird dir sowieso keiner glauben.
Und selbst wenn sie dir glauben, denkst du wirklich, sie können was tun? Ich könnte jeden anderen genauso leicht kontrollieren, wie ich dich kontrollieren kann. Und dir sollte ich wirklich weniger Freiheit lassen, du kannst damit offensichtlich nicht umgehen. „
Er griff Lauras Arm noch fester, der Schmerz ließ sie aufstöhnen. Dann spürte sie etwas Feuchtes an ihrem Ohr – seine Zunge.
„Du Schwein!“ flüsterte Laura wütend.
Sie hörte noch ein gackerndes Lachen von Martin, dann verschwammen ihre Gedanken.
***
Als Laura das nächste Mal aufwachte, war es wieder dunkel draußen. Sie lag in ihrem Bett. Wind rüttelte am Fenster, und große Regentropfen klopften gegen die Scheibe. Hatte nicht gestern noch Schnee gelegen, war es nicht zu kalt für Regen?
Sie stand auf, und ging in die Küche. Zunächst holte sie sich ein Glas aus dem Küchenschrank, füllte es mit Wasser.
Auf dem Tisch lag eine Zeitung. Laura trank einen Schluck Wasser, und setzte sich dann an den Tisch. Sie blickte auf die Zeitung. Im Heimatmuseum war eingebrochen worden. Sie zog die Zeitung dichter heran. Wer brach denn im Heimatmuseum ein? Was gab es da zu stehlen, bis auf ein paar alte Dokumente, und Fotografien aus der Vorkriegszeit? Sie begann zu lesen.
„Am vergangenen Wochenende drangen Unbekannte in das Leskower Heimatmuseum in der Berliner Straße ein.
Laut Aussagen des Direktors, Herrn Peter Schmitz, entwendeten sie jedoch nur 45 Euro aus der Museumskasse. Die Einbrecher zerstörten eine Fensterscheibe, machten dabei jedoch soviel Lärm, dass sie eine Nachbarin weckten, die daraufhin die Polizei rief. Die Einbrecher konnten entfliehen, beim Erscheinen der Polizei waren sie bereits nicht mehr im Museum. Wie sie ungesehen entkommen konnten, ist bisher nicht geklärt. „
Irgendetwas sagte Laura, dass der Artikel noch von Bedeutung für sie sein könnte.
Vielleicht waren die Einbrecher gar nicht ungesehen entkommen? Vielleicht waren sie ja vor den Augen der Polizei aus dem Museum gewandert, und der entsprechende Polizist, ihr Onkel oder einer seiner Kollegen, hatte nichts getan um sie aufzuhalten? Vielleicht erinnerte er sich einfach nicht mehr?
Laura beschloss, den Artikel aus der Zeitung herauszutrennen, und ihn zu den Aufzeichnungen zu legen, die sie für die Polizei gemacht hatte. Während sie den Artikel vorsichtig herausriss, fiel ihr Blick auf das Datum, rechts oben auf der Seite.
Ihr Atem stockte: Es zeigte den zweiten März.
***
Fast zwei Monate ihres Lebens hatte Martin ihr geraubt! Fast zwei Monate, an die sie sich nicht erinnern konnte, die für immer verloren waren. Wütend saß Laura am Frühstückstisch. Sie hatte den Rest der Nacht damit verbracht, überall nach alten Zeitungen zu wühlen, und ihr Diktiergerät auf Vordermann zu bringen. Es steckte jetzt in ihrer Hosentasche, aber sie war sich nicht sicher, ob sie es schon einstellen sollte.
Zwei Monate. Und warum hatte er sie gerade jetzt wieder aufwachen lassen? Oder hatte er das? Laura stocherte gedankenvoll in ihren Cornflakes herum. Hatte sie es vielleicht geschafft, sich irgendwie aus eigener Kraft von Martin zu lösen?
Die Suche hatte nicht viel ergeben. Kaum etwas Wichtiges war passiert in den letzten zwei Monaten – bis auf den Einbruch im Heimatmuseum, und ein paar weiteren seltsamen Diebstählen. Nie fehlte mehr als etwas Geld.
Der Einbruch. Vielleicht hatte ihr Erwachen damit zu tun? Vielleicht war Martin irgendwie abgelenkt? Aber sie war erst in der letzten Nacht aufgewacht – der Einbruch war bereits eine Nacht zuvor geschehen.
Lauras Mutter betrat die Küche, und warf ihrem Kind einen sorgenvollen Blick zu. Laura hatte den Eindruck, dass sie das in letzter Zeit häufig tat.
„Geht es dir gut, Laura?“ fragte sie. „Du isst ja gar nichts.
Und die Direktorin hat mich gestern wieder angerufen. So einen plötzlichen Leistungsabfall habe sie noch nie erlebt. Was ist nur mit dir los?“ Sie setzte sich neben Laura, und nahm ihre Hand. „Sag doch was. Rede doch endlich wieder mit mir. „
Laura zog ihre Hand weg. Sie hatte einen Kloß im Hals.
„Ich muss los, Mama“, sagte sie, ohne ihre Mutter anzusehen. Sie sprang auf, griff ihren Rucksack, zog ihre Schuhe an, und stürmte aus dem Haus.
Wie könnte sie ihrer Mutter erklären, was mit ihr los war? Und was sollte sie jetzt tun? Vielleicht ließ sie Martin ja jetzt endlich in Ruhe, überlegte sie. Doch sie zweifelte daran.
Ohne es zu merken, in Gedanken versunken, lief Laura den üblichen Schulweg. Als sie den Schulhof betrat, war es bereits zu spät. Sie konnte nicht mehr umdrehen. Und warum sollte sie auch. Ein paar Mitschüler begrüßten sie. Nicht die, mit denen sie sich normalerweise abgab, stellte sie überrascht fest.
Im Unterrichtsraum setzte sie sich auf ihren gewohnten Platz. Martin war noch nicht da. Vielleicht war er ja ganz weg? Doch da spürte sie einen brennenden Blick auf sich gerichtet. Sie sah auf, Martin stand in der Tür. Er sah übermüdet aus, und als habe er sich mit jemandem geprügelt: Sein Gesicht war leicht angeschwollen, und er hatte ein blaues Auge. Er starrte Laura an, und sie starrte zurück. Dann spürte sie, zum ersten Mal bewusst, ein Zittern in der Luft, das an ihr Gehirn zu rühren schien.
Ein seltsames Flimmern in ihrem Kopf. Dann verschwamm wieder alles.
***
Laura spürte feuchte Lippen auf den ihren. Eine Zunge bewegte sich schleimig und ungeschickt in ihrem Mund. Sie wollte sich entziehen, doch eine Hand war auf ihren Kopf gelegt, die andere auf ihren Rücken. Martin hielt sie fest, und er war stärker.
Schließlich ließ er sie los, und Laura sah sich erstaunt um.
Vor Schreck vergaß sie es, ihren Ekel herauszuprotestieren: Sie saßen auf der Wiese vor der Schule, rings um sie herum Leute aus ihrer Klasse und aus der Dreizehnten. Martins Freunde. Sie grinsten.
Auch Martin grinste. Das heißt, es sollte wohl ein Lächeln sein, mit dem er sie da ansah. Er ergriff ihre Hand mit der seinen, und hielt sie fest. So fest, dass Laura sicher war, er drücke sie warnend zusammen, um ihr zu sagen, sie solle ja still bleiben.
„Oh Laura“, sagte er. „Ich freu mich ja so, dass du das gesagt hast. Ja, ich liebe dich auch, und jeder soll das wissen. Jeder soll wissen, dass wir zusammengehören. „
Lauras Augen weiteten sich vor Schreck. Martin drückte ihre Hand noch einmal schmerzhaft fest. Seine Freunde schauten hoch erfreut über irgendetwas.
Laura sah sich um. Die Wiese war voll. Fast alle Schüler schienen draußen zu sein.
Es war kein Wunder: Das Wetter war wunderschön. Der Himmel blau, die Bäume trugen bereits kleine Blätter. Sie schätzte, dass es Ende April oder Anfang Mai war. Es waren wieder mehrere Monate vergangen, an die sie sich nicht erinnern konnte.
Dann viel ihr Blick auf jemanden, der am Eingang zum Schulhof stand, und finster herüberblickte. Daniel. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Augen. Dann drehte er sich um und ging.
Im nächsten Moment spürte Laura wieder dieses seltsame Zittern und Flimmern in der Luft. Es schien ihre Gedanken in einen Abgrund reißen zu wollen. Sie wollte nicht. Sie konzentrierte ihre ganze Kraft darauf, bei Bewusstsein zu bleiben – und für einige Sekunden war sie tatsächlich erfolgreich. Dann verschwamm wieder alles.
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Laura würgte. Irgendetwas war tief in ihrer Kehle und hinderte sie am Atmen.
Sie versuchte, ihren Kopf wegzuziehen, doch etwas hinderte sie daran. Direkt vor ihren Augen sah sie dunkelblonde, gekräuselte Haare, und schwammige Haut.
Irgendwo über ihr sagte Martins Stimme: „Lustig, oder?“
Dann war wieder dieses Flimmern in ihrem Hirn. Wie viel Zeit war wohl inzwischen vergangen? Lauras Gedanken verschwommen.
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Der Vater stand mitten im Zimmer und schimpfte. Laura musste sich konzentrieren, um mitzubekommen, über was er wütend war.
„… wirklich unmöglich dein neuer Freund! Und zu dem willst du jetzt ziehen? Das kann doch wohl…“
Wieder ein Flimmern und Schwirren in der Luft, Laura schaffte es, einige Sekunden dagegen anzukämpfen. Dann zog es sie herab.
***
Dunkel. Schnarchen. Laura lag in einem Bett. Das Fenster stand offen, warme Luft wehte herein. Es musste schon mindestens Juni sein, so warm war es.
Irgendwo in der Ferne hörte sie eine Nachtigall.
Sie bewegte sich nicht. Martin lag neben ihr, sie hatte ihm ihren Rücken zugewandt, spürte seinen schwammigen Bauch. Er schlief, sie wollte ihn nicht wecken.
Warum war sie wieder bei Bewusstsein? Die letzten Male hatte er sie anscheinend absichtlich wach werden lassen, um sie zu quälen, um ihr zu zeigen, welche Macht er über sie besaß. Sie erinnerte sich noch, wie stark sie gegen ihn angekämpft hatte, als er sie das letzte Mal nach einigen Sekunden wieder seiner Macht unterwerfen wollte.
Hatte sich dieser Kampf jetzt ausgezahlt? War sie aus eigener Kraft erwacht? Dem musste so sein. Wahrscheinlich war er weniger stark wenn er schlief.
Laura lag weiter still. Sie musste ihre Gedanken ordnen. Sie wollte nicht, dass er von ihrer erwachenden Kraft erfuhr. Vielleicht konnte sie ihn irgendwann ganz loswerden? Sie musste nachdenken, irgendein Geheimnis musste es geben hinter seiner Macht.
Die Matratze bewegte sich ein wenig.
Er war wach. Laura spürte, wie Martin sich über sie beugte, dann sah sie sein Gesicht. Ungläubig und verschlafen. „Laura?“ murmelte er.
Dann war das Flirren und Flimmern wieder da, ließ jeden Gedanken in ihrem Kopf verschwimmen. Laura wehrte sich, konzentrierte sich nur darauf, die Kontrolle über sich selbst zu behalten. Martins Ausdruck wurde noch erschrockener. Lauras Kopf wurde wieder klarer, da fiel ihr Blick auf das Medaillon, das von Martins Hals her auf sie herabbaumelte.
‚Natürlich! Das Medaillon!‘ konnte sie noch denken, da gewann die Kraft, die all ihr Denken zerstörte, wieder die Oberhand.
***
Wasser. Überall. Oben, unten – Wasser. Wo war überhaupt oben und unten? Laura drehte sich in Panik, schwamm hierhin und dorthin, schluckte schleimiges Wasser. Ihr ging die Luft aus.
Irgendwo war Licht. Sie bewegte sich darauf zu, und eine Sekunde später stieß sie mit dem Kopf durch die Oberfläche des Leskower Sees.
Laut schnappte sie nach Luft. Dann sah sie sich um.
Der See lag in hellem, wunderbar warmem Sonnenschein. Das nächstgelegene Ufer war das südöstliche, Laura erkannte die kleine Bucht, die sie seit ihrem 18 . Geburtstag nicht mehr besucht hatte. Sie war noch mindestens 50 Meter entfernt. Laura schwamm darauf zu.
Erst als sie an Land war, trat Martin aus dem Schatten der Bäume. Er grinste sie hämisch an.
„Wie du siehst, könnte ich dich jederzeit umbringen. Also überleg dir das noch mal mit dem zur Wehr setzen. „
Laura spürte wieder das bekannte Flirren in ihrem Kopf. Bevor alles verschwamm, hörte sie Martin noch sagen: „Ach übrigens, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. „
***
Martin stöhnte. Seine Augen waren geschlossen, sein Mund leicht geöffnet. Er stützte seinen Oberkörper mit beiden Armen, sein Kopf schwebte irgendwo über Laura.
Sein Bauch dagegen klatschte mit jedem Stoß auf ihren, Laura konnte spüren, dass er verschwitzt war.
Ihr Körper reagierte normal auf die regelmäßigen Stöße von Martins Schwanz. Sie spürte, dass sie feucht war, spürte sogar eine leichte Erregung. In ihrem Verstand jedoch empfand sie nur Ekel.
Martin stöhnte wieder. Er musste kurz davor sein zu kommen. Dass sie wach war, schien er nicht zu merken.
Laura spürte etwas Metallenes an ihrer Brust.
Das Medaillon! Da war es wieder, es baumelte von der Kette um seinen Hals herab. Seine Berührung glühte auf ihrer Haut, eine seltsame Kraft schien von ihm auszugehen. Wenn er sie mit Hilfe dieses Medaillons kontrollierte, vielleicht könnte sie dann das Gleiche tun?
Laura suchte – ihr Gehirn, ihr Verstand, was auch immer, suchte den Raum ab. Ob sie dieses Flimmern und Flirren fand, das zuvor immer sie gefunden hatte. Und irgendwie glaubte sie plötzlich etwas zu haben.
Eine Kraft, die zwischen ihnen beiden war, die Martin in seiner Ekstase vergessen hatte.
Martin stöhnte erneut, und Laura spürte ihn noch einmal tief in sie stoßen, sein Schwanz zuckte während er sich in sie ergoss. Jetzt oder nie, dachte sie, und umfasste die Kraft mit all ihren Gedanken, konzentrierte sich auf sie und richtete sie auf Martin.
Er riss die Augen auf, und starrte sie an. In seinem Blick noch Erregung, die langsam durch ein Fragen, dann durch Panik ersetzt wurde.
Sie starrte zurück, dachte nur daran, dass er aufhören solle, dass er sie loslassen solle.
Dann war da wieder das Flirren in ihrem eigenen Gehirn. Martin wehrte sich. Lauras Gedanken wurden konfus, sie verlor die Kontrolle.
Sie versuchte ihren Arm auszustrecken, das Medaillon zu ergreifen, aber ihr Arm war wie taub. Jemand anders schien ihn zu kontrollieren, schien sie daran zu hindern, ihn zu bewegen.
Laura starrte in Martins Augen und konzentrierte sich wieder voll auf ihn.
Er sollte runter von ihr, sofort. Sie spürte, dass er weich geworden war, und sie fühlte seinen Samen aus ihr heraustropfen. Ihr Ekel wurde zu Wut, und sie konzentrierte all diese Wut gegen ihn.
Martin begann zu zucken, sein Blick verschwamm. Und dann, plötzlich, flog sein Körper weg von ihr – ja, er flog tatsächlich. Als ob eine riesige Kraft, eine Explosion vielleicht, ihn durch die Luft warf. Sein großer, nackter Körper flog nach oben und nach hinten, und klatschte drei Meter hinter Laura gegen eine Wand, sank von ihr zu Boden und blieb reglos liegen.
Laura rang mehrere Minuten um Luft. Sie fühlte sich leicht auf einmal. Das Gewicht von Martins Körper lag nicht mehr auf ihr. Sie spürte noch die Reste seines Schweißes an ihrer Haut, spürte seine Säfte, vermengt mit ihren eigenen zwischen ihren Beinen. Aber ihr Kopf war so frei wie lange nicht mehr. Da war nichts mehr, was versuchte sie in die Dunkelheit hineinzuziehen.
Schließlich stand Laura auf.
Ihre Beine zitterten, die ersten Schritte fühlten sich an, als sei sie seit Monaten nicht mehr gelaufen.
Sie trat auf Martins reglosen Körper zu. Bleich, schwammig wenn auch nicht fett, mit verdrehten Armen und Beinen, lag er auf dem Boden. Die Kette mit dem Medaillon war ihm vom Hals gerutscht, und lag neben ihm auf dem Boden. Vorsichtig bückte sich Laura danach. Das Metall fühlte sich seltsam heiß an in ihrer Hand.
Laura richtete sich wieder auf, und betrachtete das schimmernde Schmuckstück. Es sah alt aus, mit einem Wappen, das auf die Vorderseite geprägt war. Für einen Moment spürte sie die Versuchung, es sich selbst um den Hals zu legen.
Ihr schien, als funkele das Medaillon kurz auf, wie um ihrer Idee zuzustimmen. Doch Laura sagte laut „Nein!“, als müsse sie sich selbst überzeugen, und bewahrte es dann in der Tasche ihrer Jeans, die sie auf dem Fußboden in der Nähe des Bettes fand.
Sie sah sich um. Sie befand sich in einem Schlafzimmer, wahrscheinlich in der Wohnung, die sie mit Martin teilte. Das Bett war eigentlich nur eine große Matratze auf dem Boden. Ihre Kleidung ebenso wie die seine war auf dem Fußboden verteilt.
Am anderen Ende des Zimmers befand sich eine Tür. Laura öffnete sie, und trat in einen kleinen Flur hinaus, von dem weitere Türen in die Küche und in ein gefliestes Badezimmer führten.
Laura ging ins Bad. Es gab keine Badewanne, nur eine Duschkabine. Sie trat in die Kabine, und drehte heißes Wasser an.
Erst nachdem Laura sich über eine halbe Stunde lang heiß geduscht hatte, rief sie die Polizei an.
***
Das Klappern des Fensters weckte Laura. Sie lag in ihrem Bett im Hause ihrer Eltern, die sie hocherfreut wieder bei sich aufgenommen hatten. Obwohl sie Martin gewiss nicht gemocht hatten, zeigten sie Mitleid über den Unfall des vermeintlichen Freundes ihrer Tochter, und versprachen Laura, sie so gut zu unterstützen, wie sie konnten.
Dennoch waren sie wohl über den Ausgang der Dinge erleichtert.
Fast zwei Wochen wohnte Laura nun schon wieder bei ihnen. Morgen sollte das neue Schuljahr beginnen. Laura hoffte auf eine Rückkehr zur Normalität – wenn sie sich Mühe gab, würde sie wohl doch noch ein halbwegs akzeptables Abi hinlegen können. Was die Mitschüler anging – sollten die doch denken, was sie wollten. In den letzten Tagen war sie kaum noch aus dem Haus gegangen.
Wenn sie doch mal hinaus musste, hatte sie die Blicke gespürt, hatte das leise Wispern gehört. Aber keiner wagte es, sie direkt auf Martin anzusprechen. Immerhin nahmen ja alle an, sie sei wirklich in ihn verliebt gewesen, und nun von tiefer Trauer über seinen Unfall erfüllt: Sie sei von einem Spaziergang zurückgekehrt, und habe seinen leblosen Körper vorgefunden, das hatte Laura der Polizei mitgeteilt. Man glaubte ihr. Es kannte sie ja fast jeder im Städtchen.
Martin lag seit jenem Tage im Koma.
Alles würde nun wieder gut werden. Nur eines bedrückte Laura: Das Medaillon lag noch immer in einem Fach in ihrem Schreibtisch. Sie hatte lange darüber nachgedacht, was mit ihm zu tun sei. Jedes mal, wenn sie es in die Hand nahm, spürte sie die Kraft, die von ihm ausging. Und jedes Mal war sie versucht, es sich selbst umzulegen, seine Macht nur einmal selbst auszuprobieren.
Doch Laura wehrte sich gegen diese Versuchung. Sie hatte selbst unter dieser Macht gelitten, und spürte einen Ekel vor ihr.
Draußen wehte ein kräftiger Wind, und plötzlich sah Laura den Leskower See vor ihrem inneren Auge. Wenn sie das Medaillon dort hinein warf? Dann war es weg. Dann könnte es nicht mehr in die falschen Hände fallen.
Entschlossen stand sie auf, und zog ihre Jeans und ein T-shirt an.
As war noch recht warm draußen, eine Jacke brauchte sie nicht. Sie öffnete die Schreibtischschublade, und nahm ein kleines Päckchen heraus: Ein Taschentuch, in welches eingewickelt sie das Medaillon wusste. Es war schwer für seine Größe, und Laura glaubte eine Hitze, die von ihm ausging, selbst durch den Stoff fühlen.
Sie steckte das Päckchen in ihre Hosentasche, und kletterte durch das Fenster hinaus. Der Wald begann kurz hinter ihrem Haus, und bald war sie von hohen, dunklen Bäumen umgeben.
Ihre Wipfel rauschten im Wind, und jetzt fröstelte ihr doch ein wenig. Sie lief schneller, und erreichte bald die kleine Bucht, zu der sie gewollt hatte. Der See lag dunkel und tief da, seine Oberfläche kräuselte sich leicht. Das Spiegelbild des Mondes tanzte in tausend kleine Stücke zerschnitten auf dem See.
Laura zog das kleine Päckchen aus ihrer Tasche, und wickelte es auseinander. Das Medaillon lag glitzernd auf ihrer Hand.
Laura schloss sie zu einer Faust und holte aus. Dann zögerte sie. Das Medaillon fühlte sich weiterhin viel zu heiß an. Sollte sie es wirklich wegwerfen? Man könnte so viel damit tun. Wenn sie es einmal nur umlegte…
Aber nein. Entschlossen holte Laura erneut aus, und warf das Medaillon in den See, soweit weg sie konnte.
Irgendwo in der Ferne hörte sie ein platschendes Geräusch. Dann war es wieder still.
Laura drehte sich um, und ging langsam von der Bucht weg.
„Ich glaube, du hast was verloren“, hörte sie eine bekannte Stimme hinter sich.
Langsam und mit klopfendem Herzen drehte Laura sich um. Direkt am Ufer des Sees stand jemand, und hielt in seiner Hand das Medaillon hoch. Es dauerte einige Sekunden, bis Laura den hageren Mann erkannte.
„Ich dachte, Sie… sind…“
„Tot?“ fragte Herr Seger.
Laura nickte.
„Nun, “ erklärte der Lehrer, „es war nicht schwer meinen eigenen Tod zu fingieren. Mit dem hier, “ er schwenkte die Hand, in welcher er das Medaillon hielt, „habe ich ohne Probleme die passenden Augenzeugenberichte und Zeitungsartikel unter die Öffentlichkeit bekommen können. Ich habe sogar meinen eigenen Nachruf verfasst. “ Er grinste. „Natürlich kannst du den wohl kaum wertschätzen. Schließlich warst du bei der Gedenkfeier nicht besonders aufmerksam.
„
Erst jetzt wurde sich Laura dessen bewusst, dass sie an jenem Tag, dem zweiten Schultag, das erste Mal eine Lücke in ihrem Gedächtnis hatte.
„Und Martin?“ fragte sie.
„Martin. Nun, da ich offiziell tot war, wollte ich nicht versehentlich in der Stadt gesehen werden. Ich brauchte also jemanden, der mir hilft. Jemanden, den ich leicht kontrollieren kann. Martin zu unterwerfen war schon leicht, als ich noch gar keine Übung mit dem Medaillon hatte.
Es war fast so, als wollte er, dass ich für ihn denke. Trotzdem, als kleine Belohnung habe ich ihm erlaubt, mit dir zu machen was er will. Der Junge war nämlich schon seit Jahren heimlich in dich verliebt, musst du wissen. „
Laura schüttelte sich voller Ekel. Herr Seger grinste. Er war an allem Schuld! Nicht Martin – auch Martin war sein Opfer gewesen, genauso wie sie. Laura spürte auf einmal eine Wut gegen ihn.
Sie versuchte dennoch, so ruhig wie möglich zu wirken. Er hatte das Medaillon. Wer weiß, was er als nächstes damit vorhatte. Wenn sie ihn am Reden hielt, hatte sie vielleicht eine Chance.
„Warum haben sie das getan? Was hatten sie davon, dass Martin mich…“ Sie wollte es nicht fertig aussprechen.
„Warum nicht?“ Herr Seger klang ehrlich erstaunt über ihre Frage. „Stell dir doch mal vor, du findest so ein Medaillon, und sobald du es dir umlegst, kannst du jeden dazu bringen, genau das zu tun, was du willst.
Stell dir die Möglichkeiten vor. Aber erst mal konnte ich ja noch nicht richtig damit umgehen. Und ich hatte noch keine Ahnung, was ich wirklich damit tun will. Ein bisschen habe ich rumprobiert, und dann habe ich beschlossen, dass es besser ist, zu verschwinden – damit mir keiner auf die Spur kommt. Einen Toten kann man für nichts bestrafen. Und ihm etwas wegnehmen ist auch viel schwerer. „
Er schwieg einige Sekunden.
Dann trat er ein paar Schritte auf Laura zu. Sie wollte ihm entweichen, rückwärts gehen, aber sie stand wie angewurzelt auf dem Waldboden.
„Weißt du“, sagte er, „das Medaillon hat mich gerufen. Es wollte zu mir. Und es hat auch gewollt, dass du es zu mir zurück bringst. Du hast genau das getan, was es wollte. Das Medaillon entscheidet, was geschieht. Es sagt mir, was richtig und falsch ist. „
Er ging einen weiteren Schritt auf Laura zu, und das Mädchen glaubte ein wahnsinniges Glitzern in den Augen des Lehrers zu entdecken.
Sie spürte auf einmal, dass ihr der Schweiß auf der Stirn stand, und die Knie zitterten.
Sie musste sich räuspern, um ihre Stimme wieder zu finden. „Warum wehren Sie sich denn dann nicht? Warum tun Sie, was ihnen ein Stück Metall sagt?“
Der Lehrer lachte trocken. „Warum, warum. Du hast so viele Fragen Laura. Die Antwort lautet immer ‚Warum nicht?‘. Stell dir vor, welche Macht ich mit Hilfe des Medaillons erreichen kann.
Abgesehen davon ist es jetzt sowieso zu spät. Was würde ich denn ohne das Medaillon tun? Zurückkehren und allen sagen, dass ich doch nicht tot bin? Dass sie in dem Sarg einen Sack Kartoffeln ins Grab gesenkt haben?“
Ein weiterer Schritt, Laura konnte jetzt fast schon seinen Atem spüren. Ihr Herz raste wie verrückt, und alle Instinkte rieten ihr, davon zu laufen. Aber sie wusste, dass Rennen gar nichts nützte.
„Was haben Sie jetzt vor?“
Das Lächeln des Lehrers sah nachdenklich, fast verträumt aus.
Er legte den Kopf ein wenig schief, und sah Laura an. Er tat noch einen Schritt auf sie zu, dann hob er die Hand und strich ihr über das Haar. Laura wollte ihren Kopf seiner Berührung entziehen, doch er griff eine dicke Strähne ihres Haars und zog ihr Gesicht an das seine.
„Ich kann dich wohl nicht einfach so gehen lassen“, flüsterte Herr Seger mit rauer Stimme. „Jedenfalls nicht bei vollem Bewusstsein.
Wie leicht könntest du jemandem alles erzählen. Außerdem, “ er bewegte seine Hand nach unten, die Finger waren noch immer in Lauras Haar gekrallt. Ein leiser Schmerzlaut entfuhr ihren Lippen, während er sie zwang, langsam in die Knie zu gehen. „Außerdem muss ich ja wohl Martin ersetzen. Dank dir liegt er im Koma. „
Laura spürte Tränen in ihren Augen. Wütend dachte sie daran, dass sie sich nun endlich frei geglaubt hatte.
Aber sie wollte sich nicht einfach so ergeben. Entschlossen konzentrierte sie all ihre Kräfte in Erwartung auf das, was sie gleich spüren würde. Das Gefühl eines Flimmerns in ihrem Gehirn, das sie in einen Abgrund hinein ziehen wollte.
Herr Seger lächelte wieder. „Versuch gar nicht erst, dich zu wehren. Das hilft dir nicht. Ich bin nicht Martin. Ich bin viel stärker als er es je war. Und im Gegensatz zu ihm, bin ich frei.
Gegen mich kannst du dich nicht wehren. „
Wütend biss Laura die Zähne zusammen. Versuchen würde sie es trotzdem. Einen Moment lang nahm sie den Wald um sie herum war. Ein Stück weiter vorne der See, in Mondlicht getaucht. Und irgendwo über ihr das Gesicht des tot geglaubten Lehrers, der sie mit einem leichten Lächeln betrachtete.
Dann begann es. Ihr Blick verschwamm. Einen Moment noch konzentrierte Laura all ihre Gedanken darauf, bei Bewusstsein zu bleiben.
Doch unaufhaltsam sank sie hinab in den Abgrund der Bewusstlosigkeit.
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