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Des Menschen Wolf

„Der Durst trieb ein Schaf an den Fluss, eine gleiche Ursache führte auf der anderen Seite einen Wolf herzu. Durch die Trennung des Wassers gesichert und durch die Sicherheit höhnisch gemacht, rief das Schaf dem Räuber hinüber: »Ich mache dir doch das Wasser nicht trübe, Herr Wolf? Sieh mich recht an, habe ich dir nicht etwa vor sechs Wochen nachgeschimpft? Wenigstens wird es mein Vater gewesen sein. « Der Wolf verstand die Spötterei; er betrachtete die Breite des Flusses und knirschte mit den Zähnen.

»Es ist dein Glück,« antwortete er, »dass wir Wölfe gewohnt sind, mit euch Schafen Geduld zu haben«, und ging mit stolzen Schritten weiter. „

Gotthold Ephraim Lessing „Der Wolf und das Schaf“

Das kleine, seichte Bächlein, welches sich trotzig inmitten dieser ewigen Wüste aus Asche, Staub und Trümmern seinen Weg bahnte und das, obwohl es von seiner einstmals majestätischen Größe, von einem unbändigen und reißenden Strom zu einem schlammigen, traurigen Rinnsal verkümmert war, färbte sich sich an diesem Tage rot vor Blut.

Viehisch lachend, sich an ihrer Macht, die auf ihren Waffen, ihrem Mordwerkzeug, fußte und ihrem Vergnügen, welches von der Mordlust, der kannibalischen Freude am Leid anderer Menschen her rührte, berauscht, schossen die Räuber wild und aus purer Liebe zur Knallerei um sich. Das rhythmische Tackern der Maschinenpistolen, das blecherne Donnern der Schrotflinten und das höhnische Gelächter dieser Schinder, hallten, einem geisterhaften, unheilverkündenden Echo gleich, weit zwischen den zerklüfteten Hängen wider; die panischen Schreie ihrer Opfer, Männer, Frauen und Kinder, oft mit nicht mehr bewaffnet als Keulen und stumpfen Messern und der nackten, kalten Entschlossenheit eines in die Ecke gedrängten Tieres ihr Leben, das bisschen, was sie hatten, ihre Lieben zu schützen, wurden, zur puren Freude der Menschenschinder, unbarmherzig niedergeschossen.

Es brauchten nur die Starken zu überleben, um zu arbeiten, Tag ein Tag aus, bis sie vor Entkräftung starben und ihre verdorrten Körper Abfall gleich in großen Massengräbern geworfen wurden und die schönsten Weiber, um sie für horrende Summen an das nächstbeste Bordell oder einen wohlhabenden Kaufmann verkaufen zu können, nachdem die Sklavenhändler selbst ihren Spaß mit ihnen gehabt haben, ihre Körper und Seelen gebrochen und damit gnädigerweise für ihr weiteres Schicksal vorbereitet hatten.

Und die Jüngsten, denn sie konnte man noch einfacher zum Sklaven formen und erziehen.

Die Alten und Schwachen und die ganz Aufmüpfigen, die Rebellen, die Freiheitsliebenden; die wurden getötet. Sie ließen sich nicht dressieren oder würden den Anforderungen nicht entsprechen können.

Denn ein Sklavenhändler dachte wie jeder gute Geschäftsmann: In Zahlen.

Nahrung kostete Geld, Unterkunft kostete Geld und wer dieses Geld nicht wieder rein bringen konnte, war nutzloser Ballast.

Und Ballast verdiente es nicht, zu essen, er verdiente es nicht, zu leben.

Also erschoss man ihn, den nutzlosen Fresser und ließ ihn für die Geier liegen.

Die Sklavenhändler, allesamt rohe Gestalten, der ekelhafte Unrat, den das mühselige Leben in der Aschewüste ausspuckte, bar jeden Gewissens und Anstandes, bemerkten nicht, wie sie beobachtet wurden. Fern vom Geschehen, gut verborgen hinter einer Felsformation, lag eine in einem abgewetzten und staubbedeckten Mantel gehüllte Person.

Das lockige, dunkle Haar, das unter der Kapuze die feinen, aber grimmigen Gesichtszüge umrahmte und die stechend blauen Augen, die in das Fernglas blickten, wiesen, wenn nicht gar die weiblichen Rundungen, die selbst unter dem dicken Stoff des Mantels unverkennbar waren, die Gestalt als eine junge Frau aus, wohl kaum älter als Mitte zwanzig.

Kalt beobachtete sie die grausige Schlächterei, zählte die Sklavenhändler, derer es sieben waren, sie zählte die Bewohner dieser armseligen, kleinen Zeltsiedlung von denen sie fünfzehn zählte, von denen sie acht tot im Dreck liegen sah und sie verortete den Anführer der Menschenschinder, einen großen, kahlköpfigen Mann dessen muskulöse Arme in starkem Gegensatz zu seinem dicken Bauch standen und dessen hünenhafte Erscheinung ihm eine natürliche Autorität verlieh, die seine laute Kommandostimme, welche seine Männer unablässig zu ihren Grausamkeiten anstieß, umso authentischer machte.

Während die Frau sich aufrichtete, ruhig ihr Fernglas in ihrem Gürtel, in dessen Holstern links und rechts zwei schwere Automatikpistolen steckten, verstaute, trieben die Sklavenhändler die Überlebenden zu einem kleinen Haufen zusammen, während ein paar von ihnen die zerlumpten Zelte, armselige Zeugnisse des Überlebenswillens dieser Schwächlinge, zertraten und in dem Müll und Abfall, diesem mühsam zusammengesuchten Kleinod dieser vom Pech verfolgten Menschen, nach Brauchbarem suchten und dabei rücksichtslos alles mit ihren genagelten Stiefeln niederwalzten, was ihnen im Weg stand.

Die Frau währenddessen verließ ihre Deckung in einer so ungezwungenen Art, welche die Sklavenhändler, wären sie denn professionell und nicht derart offensichtlich jene geistlosen Amateure, die ihr fehlendes Können mit schlichter Brutalität wett zu machen versuchten, wohl schlicht durch ihre für diese raue Gegend schockierend wirkende, mangelnde Vorsicht entwaffnet hätte, hätten sie sie denn bemerkt und sich nicht jede Vorsicht vergessend ihrer sadistischen Bosheit hingegeben.

Ruhig schritt sie auf die Menschengruppe zu, der Staub knirschte unter ihren schweren Stiefeln und der Mantel flatterte im matten Wind der Aschewüste.

Es mochte Ironie sein, doch nicht die Sklavenhändler registrierten sie zuerst, sondern ihre Opfer, die man in einer Reihe auf die Knie zwang und gerade dabei war, das zu Beginnen, was man im Sklavenhändlerjargon als die „Auslese“ bezeichnete. Ein junger Mann, kaum älter als sechzehn Jahre, blickte die bewaffnete und einer Amazone gleichende Frau mit seinem zerschlagenen Gesicht an, einem jugendlichen, doch harten Gesicht, das trotz der Furcht eine tiefe innere Stärke und Robustheit ausstrahlte, welche ihm nach der „Auslese“ das grausame Leben eines Grubenkämpfers prophezeite.

Dem Blick des Gefangenen folgend wendeten sich die Sklavenjäger um und sahen die Frau, die noch immer ruhigen Schrittes auf sie zu kam, den Mantel geöffnet und -neben ihren Pistolen- auch ihre Reize offenbarend. Die Augen der Männer, trunken von ihrem Sieg über diese Verlierer des Lebens, ergötzten sich an den unter ihren kurzen, geschwungenen Schritten bebenden, üppigen Brüsten der Fremden, ihrem gestählten, doch weiblichem Körper, dessen Verlockung durch ihre Kleidung, die man getrost als barbarisch und gleichzeitig als provokant-aufreizend bezeichnen konnte, auf obzöne Weise zur Schau gestellt wurde.

Sie leckten sich ihre trockenen Lippen bei dem Anblick ihrer schmalen Taille, dem breiten Becken und den festen Schenkeln.

Es war ihr Anführer, dessen pockenvernarbtes Gesicht jenen Ausdruck der abschätzenden, kalkulierenden Neugier aufwies, wie es eine jede gute Händlernatur vermochte, der das Wort ergriff und ihr lächelnd ein paar Schritte entgegen kam, seinen fetten Wanst vor sich herschiebend. „Guten Tag, meine Dame! Nun, wie ich anhand Ihrer Bewaffnung schließen kann, gehören Sie nicht zu diesen… Leuten hier, ja?“

Er musterte auffällig genau ihren Körper, so als schätze er den Gewinn ein, den er mit ihr machen könnte und das Risiko, das er dabei eingehen würde, wenn er versuchen sollte, sie gefangen zu nehmen.

Das Schnalzen seiner Zunge und der freundliche Ton ließen vermuten, dass ihn das Risiko letztendlich wohl abgeschreckt hätte.

Die Frau sah den Sklavenjäger abfällig an, blickte kurz in die Gesichter seiner geschundenen Opfer, die zwar eingeschüchtert auf ihre Füße starrten, doch denen die Erwartung und Neugier dennoch anzumerken war, schien die schöne Amazone doch eine neue, ungewisse Figur in diesem für sie so elenden Spiel zu sein. Sie ließ ihren Blick über die zugleich geilen und blutrünstigen Gesichter der Menschenschinder schweifen, deren Hände bereits unruhig an ihren Waffen spielten, bereit, beim leisesten Befehl ihres Herrn zuzuschlagen, der Fremden in die Knie zu schießen und die wichtigen Stellen für den anschließenden Spaß verschont zu lassen.

Ihre skrupellosenGesichter ließen sich wie ein offenes Buch lesen, all die Verbrechen und Schrecken, die sie begangen, all das Leid und den Schmerz, den sie verursacht hatten, stand in ihren kalten, finsteren Augen.

„Was willst du?“, fragte der bierbäuchige Schinderführer nun direkt und ohne die gespielte, kaufmännische Demut in seiner herrischen Stimme. Sichtlich wurde er ungeduldig und verschränkte die Arme in der Hüfte, aber noch immer gab ihm die Frau keine Antwort, sondern durchbohrte ihn mit ihren frostigen Augen.

Es war die unausgesprochene und schon dem Tierreich bekannte Herausforderung, der Kampf vor dem Kampf, die Schlacht um die innere Dominanz.

Die Anspannung war fast greifbar, sie lag schwer und provokant in der Luft. Herzen begannen zu rasen, Hände wurden feucht und Finger begannen zitternd und nervös, an den Abzügen ihrer Schußwaffen zu spielen.

Eisern starrte die Frau den Mann nieder, auf dessen feister, faltiger Stirn sich Schweißtropfen bildeten und er, während er den Kloß im Hals hinunter schluckte, welcher ihn so quälte, unsicher, mit zitternden Händen, vorsichtig, langsam und behutsam nach dem Revolver in seinem Gürtel zu greifen versuchte, seinem Machtinstrument, dem Stück Eisen, mit dem er Leben nehmen konnte, wie es ihm beliebte.

Einem Peitschenhieb gleich riss die Fremde plötzlich ihre Pistolen aus den Holstern, ihre ruhigen Finger drückten den Abzug -einmal, zweimal, dreimal, viermal- durch und mit jedem Mal verließen die Läufe der Pistole mit einem lauten –BLAMM- jene todbringende, bleierne Ladung, welche sich in den wuchtigen Leib des kahlköpfigen Führers bohrten, Knochen und Organe durch die Wucht des Aufpralls zerbersten und sein Blut noch auf seine Hintermänner spritzen ließ.

Noch bevor der Mann auf die Knie sackte, noch bevor sein Gesicht, den Tod vor Augen, jenen entsetzten und empörten Ausdruck gewinnen konnte, welcher der Erkenntnis entsprang, beim Startschuss nicht rechtzeitig reagiert zu haben, in diesem einen, finalen Moment des Lebens verloren und zwar für immer verloren zu haben, noch bevor seine Männer, erfahrene Mörder, auch nur ihre Waffen heben konnten, da erklang wieder das stählerne -BLAMM- der wuchtigen Automatikpistolen der Fremden, brachte Schädel zum platzen, riss knirschend Brustkörbe auf und ließ den bleiernen Tod auf die Sklavenhändler, dem abscheulichen Auswurf einer des Menschen feindlicher Welt, regnen.

Als der Anführer, der da mit aufgerissenem Oberkörper, aus dem die zersplitterten Rippen und die zerfetzten Eingeweide an die schneidende Luft hervor drängten, den letzten Hauch seines voll von Raub und Mord erfüllten Lebens aushauchte, in der Mitte seiner niedergemähten, ebenso schändlichen Männer kniete, da blickte er fassungslos und mit blutleerem Gesicht auf die Amazone, die da auf ihn zu schritt und ihm wortlos in seine geröteten Augen sah.

„W-warum…?“, stammelte er, während sein Blut, sein Lebenssaft, sich in kräftigen, warmen Schüben im trockenen Boden ergoss, sein Herz langsamer Schlug und sich sein Körper auf den nahenden und unabwendbaren Tode vorbereitete,

Die Fremde gab ihm keine Antwort, denn sie war unnötig.

Sie drückte ihm den rauchenden Lauf ihrer Pistole auf die Stirn, versenkte mit dem glühenden Metall seine fleckige, von der blass scheinenden Sonne gegerbte Haut und drückte ab:

-BLAMM-

Einem nassen Sack gleich stürzte der kopflose Körper -denn der Schuss hatte seinen feisten Schädel in einer roten Wolke atomisiert- des Sklavenjägers mit einem Platschen zu Boden, mitten in die Lache seines eigenen, dunkelroten Blutes; dem Blut eines Blutvergiessers.

Die Gefangenen, zitternd, erschrocken, sich noch nicht darüber im klaren, wie es nun weitergehen sollte, ob sie vom Regen vielleicht sogar in die Traufe geworfen wurden, wagten es kaum, die Kriegerin anzusehen. Manche waren mit Blut bespritzt, es war das Blut der Sklavenjäger, an manchen klebten gar haarige Fleisch- und Knochenstücke und keiner von ihnen wagte es, sich die Reste ihrer Peiniger abzuwischen oder sich gar zu erheben.

Abschätzend sah die Fremde die zusammen gekauerten und wimmernden Sklaven an, ihre verheulten Augen, die zu Boden geneigten, demütigen Häupter.

Ihre Hand wanderte in die Tasche ihres Mantels und holte -mit zitternder Hand- eine selbst gedrehte, mitgenommen aussehende Zigarette hervor.

Als die Flamme ihres Benzinfeuerzeugs aufleuchtete, sie mit geschlossenen Augen den ersten Zug von diesem kleinen und tödlichen Stück Zivilisation nahm, da nahm ihr Gemüt eine Wendung. Ihr zuvor grimmiges Gesicht wurde durch ein Lächeln erhellt und entblößte dabei ihre festen, weißen Zähne, es war ein warmes, ebenbürtiges Lächeln und es galt den Menschen, die vor ihr im Dreck knieten, jenen dort, die nicht den Mut hatten, auf zwei Beinen zu stehen.

Sie musterte den Mann, der sie als erster bemerkt hatte, als sie auf die Sklavenhändler zu kam.

„Du. „, sagte sie mit einer bestimmenden, doch weiblichen Stimme. Tapfer blickte der Mann, dessen Haltung ihn selbst für seine geschätzten sechzehn Jahre klar als einen Mann und keinen verschreckten Jüngling auswies, auf und sah die Frau, die seine Rettung oder sein Tod sein mochte, an.

Sie nahm einen weiteren Zug von ihrer Zigarette und schob ihm, den Rauch ausblasend, mit ihrem Fuß die Schrotflinte von einem der toten Sklavenhändler zu.

Die Blicke der eingeschüchterten Menschen ruhten nun auf ihm, ihrem Leidensgenossen und er blickte die Amazone vor sich, über sich an, die ihm tief in die Augen sah und in seiner geknechteten Seele, elektrischen Schlägen gleich, jene Region wiederbelebte, die man als das Selbstbewusstsein, in seiner reinsten und urtümlichsten Form, bezeichnete.

Seine Fäuste, starke, aber selten genutzte Fäuste, griffen nach der ihm angebotenen Waffe. Sie packten sie, fest und entschlossen und das Nicken der Kriegerin war nicht mehr nötig, denn der befreite Sklave richtete sich, stolz und das Herz mit neuem Mut erfüllt, auf, klopfte sich den Dreck, von der Kleidung, als schüttle er sich die Schmach der Vergangenheit ab und sah der Frau, die einen halben Kopf kleiner war als er, dankbar in die Augen.

„Sag nichts. „, kam sie ihm zuvor. „Den Wölfen dieser Welt kann das Schaf nicht die Stirn bieten, wenn es ein Schaf bleibt. Merke dir das gut. „

Sie ließ den Blick noch einmal durch die Gesichter der sich nach und nach erhebenden Menschen wandern, in deren Augen ein Feuer brannte, welches just in diesem Moment, in diesem Augenblick entfacht wurde.

Die letzte Rauchwolke ausblasend, einem Drachen gleich aus Mund und Nase, warf sie den Stummel verächtlich auf den Kadaver des Führers der Menschenschinder, der nur einer von vielen seiner Art war, aber trotzdem einer der wenigen, die viele unterdrückten und ausbeuteten.

Wortlos blickten ihr die künftigen Krieger nach, als die Fremde ihren Weg fortsetzte, sich ihren Weg immer tiefer in die trostlose und sich immer weiter ausbreitende Wüste suchte.

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