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Sohn der Berge

In jenen Wochen ernährte ich mich fast nur von Schmerzmitteln und Wasser. Hin und wieder noch ein Joint, wenn ich die Kraft zum Rauchen hatte. Und manchmal eine Suppe, die mir ein Mädchen aus dem Dorf brachte, und die ich ohne Appetit auslöffelte, in der Hoffnung, daß sie meiner Genesung helfen könnte.

Das Mädchen war wie alle Frauen des Dorfes klein und kräftig. Ihre Wangen waren dunkel, fast schwarz, verbrannt von der unbarmherzigen Sonne am Tage und der beissenden Kaelte der Nacht.

Die langen Haare trug sie in zwei am Rücken herunterbaumelnden Zöpfen, darueber ein Hut, der mit bunten Bändern, farblich zu den traditionellen Röcken passend, geschmückt war. Nichts unterschied sie von den anderen jungen Frauen im Dorf, bis auf die Tatsache, daß sie wie ihr Vater ein paar Worte meiner Sprache kannte.

Während ich aß, saß sie auf einem Hocker neben meinem Lager und lächelte abwesend. Hin und wieder stand sie auf, ging zur Tür, und blickte ins Dämmerlicht.

Nach dem Essen war ich müde und schlief immer schnell ein. Stunden später erwachte ich, zitternd und voller Schweiß, mit einer vagen Erinnerung an Fieberträume. Jede Nacht warf ich mich geschuettelt vom Fieber im Bett hin und her. Im Schlaf sah ich meinen Freund, den ich zu Hause zurückgelassen hatte – im Streit, er wollte nicht, dass ich weg gehe. Immer stand er auf einem Hügel ein Stück weit von mir entfernt und blickte mich an, rief mich.

Doch wenn ich langsam auf ihn zuschritt überkam mich eine unerklärliche Angst, die dazu führte, dass ich erwachte.

Mein gesamter Körper schmerzte, und ich griff nach den Tabletten, die neben dem Bett lagen – auch diese hatte das Mädchen gebracht. Ich spülte sie mit etwas Wasser herunter, und rollte mir vielleicht noch einen Joint. Den Rest des Tages verbrachte ich im halbwachen Zustand, starrte an die dreckigen Balken der Decke, wo zu meiner einzigen Gesellschaft eine Spinne saß, die sich jedoch selten bewegte.

Dann wieder warf ich einen Blick zu der angelehnten Tür, um zu erraten ob die Dämmerung da draußen gerade die des Abends oder des Morgens war.

Hin und wieder besann ich mich auf meine Eltern, die inzwischen fast verrückt vor Sorge sein mußten – immerhin hatte ich mich schon mindestens zwei Wochen nicht mehr bei ihnen gemeldet. Vielleicht sogar noch länger – ich wußte nicht, wie lange ich mich schon in diesem von Gott und der Welt vergessenen Dorf aufhielt.

*

Es war noch keine ganze Woche gewesen, seit ich aus dem Flugzeug gestiegen war, da lernte ich auf dem Marktplatz eines kleinen Städtchens, in das sich nur wenige Touristen verirrten, einen älteren Mann kennen. Er sprach meine Sprache gut genug, um sich mit mir zu unterhalten, und er erzählte mir, daß seine jüngste Tochter genau in meinem Alter sei, und das sie von ihm meine Sprache gelernt habe.

Schließlich fragte er mich, ob ich nicht einmal eine traditionelle Dorfgemeinschaft kennenlernen wollte.

Das war eine Gelegenheit, auf die ich gehofft hatte, und nur zwei Tage später saß ich in einem überfüllten Bus, der unbefestigte Pfade an steilen Berghängen entlang rumpelte. Ich konzentrierte mich auf die Ansammlung von Menschen, Hühnern, und allem vorstellbaren Gepäck, Einkäufen aus der Stadt, das in den viel zu engen Bus gequetscht worden war. Solange ich dies alles betrachtete, musste ich keinen Blick aus dem Fenster werfen, denn trotz der atemberaubend schönen Landschaft machte mir die rasende Fahrt des Busses Angst.

Die wenigen Male, die ich einen Blick aus dem Fenster wagte, sah ich die Nähe des gähnenden Abgrundes neben uns, den kleine Steine, losgeloest von unserem Gefährt, herunterpurzelten.

Schließlich machte mich der Busfahrer darauf aufmerksam, daß ich an meinem Ziele angekommen sei, und tatsächlich standen am Wegesrand der Mann, der mich eingeladen hatte, und neben ihm jenes bezopfte Mädchen, das mir nun meine tägliche Suppe brachte.

Ich griff nach meinem Rucksack, und stieg aus dem Bus.

Ein Knabe, der während der Fahrt die Stationen ausgerufen hatte, kletterte auf das Dach des Busses und warf meinen zweiten, grösseren Rucksack hinab. Mein Bekannter erbot sich sofort, ihn für mich zu tragen – der Weg war noch weit und ab hier ging es zu Fuß weiter. Das Dorf lag mehrere Stunden von der nächsten Straße entfernt. Wir kletterten schmale Pfade hinauf, zunächst zwischen trockenem Gras, Kakteen und Disteln, dann in einer immer karger und steiniger werdenden Landschaft.

Der Weg schmiegte sich an den Bergen entlang, an einer Seite rauschte unter uns in der Tiefe ein Fluss über Steine, an der anderen Seite blickten uns Llamas von oben herab neugierig nach. Schliesslich waren wir in einer Landschaft, in der ausser trockenem Gras nichts zu wachsen schien, eine Hochebene, doch in der Ferne konnte ich kantige und zum Teil schneebedeckte Berge entdecken. Ich war müde, doch schliesslich erreichten wir den höchsten Punkt unserer Reise.

Vor uns lag ein Tal dass von dickem Nebel bedeckt war. Unter diesem Nebel, der jeden Abend vom tiefer gelegenen Dschungel heraufstieg, lag das Dorf, so sagten mir meine Begleiter.

Es fing schon an zu dämmern als wir im Dorf ankamen. Im Nebel konnte man kaum weiter als zwanzig Meter sehen, die Häuser schienen in einem Nichts zu stehen. Die Atmosphäre war geisterhaft. Der kleine Platz jedoch, um den sich ein paar armselige Hütten aus Steinen und Strohdächern gruppierten, war mit einem Lagerfeuer erleuchtet.

Es glimmte fremdartig – was da verbrannt wurde war nicht Holz, sondern die getrockneten Exkremente von Kühen und Llamas. Woher auch sollte Holz kommen, da ich doch schon seit Stunden keinen Baum mehr gesehen hatte.

Es sollte ein Fest geben, mir zu Ehre, denn das Dorf bekomme nicht oft so weitgereiste Gäste, wurde mir erklärt. Der Rest des Abends war ein Rausch von fremder Musik, Tänzen, einfachem aber exotischem und stark gewürztem Essen, und seltsam schmeckenden alkoholischen Getränken.

Irgendwann ließ ich mir meinen Schlafplatz zeigen, und schlief schwindlig, aber sehr zufrieden mit meinem Abenteuer, ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich von Fieber geschüttelt und mit der Erinnerung an das seltsam blasse Gesicht meines Freundes, dass ich in jener Nacht zum ersten Mal im Traume gesehen hatte.

Es sei die ungewohnte Höhe und das Essen, wurde mir erklärt. Ich hätte mir eine Krankheit eingefangen, deren Namen sie mir auch sagten, den ich jedoch sofort wieder vergaß.

Zurück in die Stadt könne ich so nicht reisen. Aber auch im Dorf wollte man keine Kranken haben, das bringe Unglück, deshalb gebe es kaum 200 Meter entfernt am Berghang eine Hütte, in der ich mich bis zu meiner Genesung aufhalten sollte. Medikamente wollte man mir aus der Stadt besorgen, auch wenn ein solcher Einkauf zwei Tage in Anspruch nahm.

Seitdem lag ich hier, und wurde das Gefühl nicht los, daß mein Zustand sich eher verschlechterte.

Doch mit Hilfe der Medikamente hielt ich mich in einem der Bewußtlosigkeit naheliegenden Zustand, in dem mir selbst das egal war.

*

„Wie geht es Ihnen?“

Das Mädchen stand wie immer plötzlich in der Tür, gerade als meine Gedanken weit abgeschweift waren, und ihre Begrüßung ließ mich zusammenzucken.

„Habe Suppe für Ihnen. „

Ich richtete mich ein wenig auf, und versuchte, sie anzulächeln.

Sie lächelte zurück, aber wie jeden Tag wirkte ihr Lächeln so abwesend, so distant, daß ich mich fragte, welche dunklen Gedanken sie wohl mit diesem Lächeln verstecken möge.

‚Das viele Herumliegen macht dich schon ganz paranoid,‘ sagte ich mir, und sah sie lieber nicht mehr an.

Wie jeden Tag setzte sie sich auf den Hocker, und reichte mir eine Schüssel voll dicker, gelber Brühe, in der ein wenig Gemüse und auch ein paar Fleischstücken schwammen.

Ich aß, doch mehr noch als sonst bereitete das Öffnen und Schließen des Mundes unsagbare Mühe, taten mir beim Kauen der Kiefer und die Zähne weh, und fühlte sich das Essen in meinem Magen wie eine schwere, unverdauliche Masse an. Ich konnte einfach nicht essen.

Als ich ein Drittel der Suppe zu mir genommen hatte, stand das Mädchen auf, ging ans Fenster, und starrte hinaus in die Dunkelheit – und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, diese Gelegenheit zu nutzen.

Ich schüttete die restliche Suppe einfach auf den dreckigen Boden, ein wenig entfernt von meinem Lager aus Stroh und Decken.

‚Sobald Ungeziefer von dem verrottenden Essen angelockt wird, werde ich das bereuen,‘ dachte ich, doch in diesem Moment war mir das egal.

Als das Mädchen sich mir wieder zuwandte und die leere Schüssel entdeckte, lächelte sie ihr distantes und leeres Lächeln.

„Gut geschmeckt?“ fragte sie, doch mir schien die Frage mehr Höflichkeit als in Erwartung einer Antwort, und ich nickte nur kurz.

Dann, ohne weitere Worte, verließ sie meine Hütte.

Wie immer nach dem Essen, fühlte ich mich schläfrig, doch an diesem Tag schlief ich nicht so schnell ein wie an anderen Tagen, und mein Schlaf schien weniger tief. Das Gesicht meines Freundes in meinen Träumen war näher als sonst, ich streckte die Hand aus nach ihm, und er die seine nach mir. Er sah blass aus, und ich spürte eine Kälte von ihm ausgehen.

„Wenn ich ihn berühre wird alles gut,“ dachte ich – als plötzlich die Tür zu der Hütte geöffnet und ich so aus dem Schlaf gerissen wurde.

Ich war zu benommen, um mich der Tuer zuzuwenden, oder etwas zu sagen. Aber ich schaffte es doch, leicht zu blinzeln, und für einen Augenblick nahm ich das Mädchen war, das wieder in den Raum trat, und in ihrem Gefolge drei junge Männer.

Einer von ihnen trug eine Maske, die einen Teil seines Gesichts verdeckte.

Er schien nicht bei Sinnen zu sein, vielleicht stand er auch unter Drogen: Er wurde von den anderen beiden Männern an den Armen festgehalten. Er wehrte sich gegen sie, zitterte am ganzen Körper, zischte und grunzte laut, und schien Schaum vor dem Mund zu haben. Er war jung, jünger als ich, höchstens 19 oder 20, und er zerrte an seinen Armen, um dem Griff der anderen zu entkommen. Diese hatten Mühe ihn zu halten – eine unvorstellbare Kraft schien in ihm zu stecken.

Ich lag auf meinem Rücken, nur die schmutzigen dicken Wolldecken und darunter mein weitaus weniger schmutziger Schlafsack (als Decke ausgebreitet) versteckten meine Nacktheit, auf Rat einer alten Frau aus dem Dorf trug ich keine Kleidung in meinem Krankenlager. Meine Augen waren fast ganz geschlossen, und doch hatte ich mit einem kurzen Blinzeln die kleine Gruppe erfaßt. Ich nahm wahr, was um mich geschah, spürte aber, daß ich unfähig war, mich zu bewegen.

Das Mädchen und die Jungen, die den Verrückten festhielten, begannen leise etwas vor sich hin zu murmeln. Ihre Singsang wurde immer lauter, die Worte immer schneller ausgesprochen, ich verstand kein einziges. Nach einer halben Minute verstummten sie plötzlich und im gleichen Augenblick ließen sie den jungen Mann los.

Bevor ich es realisieren konnte, riß er mir die Bettdecken weg und stürzte sich auf mich. Ich wollte vor Schreck schreien, ich wollte mich wehren, aber mein Körper gehorchte mir nicht, er lag reglos da, als ob ich bewußtlos wäre – doch ich war vollkommen wach.

Ich spürte seine Hände, wie sie mich überall berührten, fühlte sie meine Brüste streicheln und dann kräftiger, schmerzhaft zusammenpressen, dann wieder Hände auf meinem Bauch, in meinem Gesicht, zwischen meinen Beinen. Überall, sie schienen über meinen Körper zu fliegen. Sie schoben sich zwischen meine Beine, drängten sie auseinander, strichen an meinen Innenschenkeln entlang nach oben, seine Finger versuchten in mich einzudringen. Dann auf einmal wieder waren sie auf meinen Brüsten, drückten sie fest, hielten sie, als er seinen Mund einer meiner Brüste näherte, um an ihr zu saugen.

Doch in der nächsten Sekunde wanderten die Hände wieder an mir hinab, und auch seine Zunge erforschte weitere Teile meines Körpers. Er erinnerte mich an ein Tier, das keine Sekunde Ruhe findet in dem was es tut, und fast erwartete ich, daß er mich in der nächsten Sekunde beißen würde.

Wieder spürte ich eine seiner Hände zwischen meinen Beinen, spürte seine Finger in mich eindringen. Auch wenn ich meinen Körper nicht unter Kontrolle hatte, ihn nicht bewegen konnte, spürte ich doch alles wie immer, vielleicht sogar stärker: Ich spürte, daß ich nicht feucht war, und das die rauhen Finger mir weh taten.

Ihn kümmerte es nicht, er schob einen Finger tief in mich, um mich zu öffnen, und ich war unfähig ihm auszuweichen. Irgendwann reagierte mein Körper dann doch, und ich fühlte, wie er erst mit einem, dann mehreren Fingern nun ohne Schwierigkeiten in mich eindringen konnte.

Mit der anderen Hand, seiner Zunge, und auch seinen Zähnen hatte er in der Zwischenzeit weiter unaufhaltsam meinen Körper erforscht. Rücksichtslos dabei, ich war sicher, daß ich blaue Flecken und Kratzer behalten würde.

Dann nahm ich wahr, daß er seine Finger aus mir herausnahm, und spürte etwas Neues, Größeres an ihrer Stelle in mich eindringen. Der Junge war wie ich schon sagte nicht besonders groß, und auch sein Schwanz entsprach seiner Körpergröße. Aber mein bewegungsunfähiger Körper war empfindlicher als sonst, und er drang schnell in mich ein, und begann sich mit einer Wildheit in mir zu bewegen, die mir keine Zeit ließ, mich an ihn zu gewöhnen.

Dabei hörte ich ihn wieder grunzende und knurrende Geräusche von sich geben, wie ein Tier.

Ich kämpfte um die Kontrolle über mich, ich wollte mich wehren, mich von ihm weg bewegen. Endlich und unter größter Anstrengung schaffte ich es, meine Augen weit aufzureißen. Ich sah den Jungen, der über mir hockte mit glasigem Blick zwischen den Augenlöchern der Maske und dem der Speichel aus dem Mund lief. Noch immer bewegte er sich schnell in mir.

Wie ein Hund. Dann begann er zu zucken und sank schließlich auf mir in sich zusammen, sein Blick leer, und bewegte sich nicht mehr. Zwischen meinen Beinen spürte ich den Samen, den er eben in mir verspritzt hatte, wieder herausfließen. Ekel ergriff mich, als der Sabber, der immer noch aus seinem Mund lief, auf meinen nackten Bauch tropfte.

Neben mir standen das Mädchen und die anderen beiden Männer, und starrten mich an.

Im Gegensatz zu dem Jungen war ihnen nicht entgangen, daß ich die Augen geöffnet hatte. Mehrere Minuten standen sie so da, während ich langsam ein Kribbeln in meinen Beinen spürte, das andeutete, daß meine Kontrolle über meine Muskeln wieder wuchs. Schließlich wies das Mädchen die beiden Männer mit einer bloßen Handbewegung an, den schlafenden jungen Mann von mir herunterzunehmen. Sie schleppten ihn aus der Hütte, ohne daß er davon erwachte.

Das Mädchen setzte sich auf neben mich auf mein Lager, und wischte den Speichel mit einem Tuch von meinem Bauch, dann deckte sie mich zu.

Schließlich, nach Stunden wie mir schien, sprach sie.

„Das nicht sollte passieren. Mit Drogen du sollen schlafen. Besser so für dich. „

Sie entdeckte die verschüttete Suppe auf der anderen Seite des Lagers, und runzelte nur die Stirn. Dann stand sie auf, und kehrte schließlich mit einem Seil in der Hand zurück. Sie griff nach meinen Händen, zog sie hoch über meinen Kopf, band sie dort fest zusammen und dann befestigte sie das Seil an einem Balken der an der Wand entlang nach oben führte.

„Besser so. Du darfst nicht weglaufen. Die Zeit ist noch nicht um. „

Ich war noch immer nicht fähig zu sprechen, noch mich zu wehren.

Sie griff mit der Hand unter meinen Kopf, richtete ihn ein wenig auf, öffnete meinen Mund mit der anderen Hand, und plazierte eine der Schmerztabletten auf meiner Zunge. Dann hielt sie den Becher mit Wasser an meine Lippen, damit ich die Tablette herunter spülen konnte.

Ohne ein weiteres Wort, und ohne zu lächeln dieses Mal, verließ sie die Hütte, und ich war wieder allein.

*

Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich im Zustand zwischen Wachen und Schlafen verbrachte. Da meine Hände gefesselt waren, konnte ich nicht kiffen, doch immerhin tat die Schmerztablette ihre Wirkung. Das Halbdunkel im Zimmer verstärkte sich noch. Ich lag auf dem Bett, starrte die Deckenbalken an, über die langsam die Spinne kroch, oder blickte auf die Tür die sich im Wind manchmal ein Stück weit öffnete, so dass ich die Umrisse von Bergen entdecken konnte.

Gemeinsam mit den Drogen, die ich mit der Suppe zu mir genommen hatte, verlor die Tablette langsam wieder ihre Wirkung, und mein ganzer Körper schmerzte entsetzlich.

Mir kam der Gedanke, daß sie mich hier so ewig halten könnten, zum Vergnügen des Dorfes, oder daß sie mich umbringen könnten, wenn sie genug von mir hatten. Keiner wußte wo ich war, niemand würde mich hier suchen. Seltsamerweise war mir das fast gleichgültig.

Ich dämmerte vor mich hin, hoffte darauf, irgendwann einschlafen zu können, doch ich blieb stundenlang, tagelang, vielleicht sogar wochenlang in meinem halbwachen Zustand.

Schließlich erschien das Mädchen wieder an meiner Seite. Sie löste die Fesseln an meinen Händen, und mit ihrem gewohnten abwesenden Lächeln hielt sie mir einen Teller Suppe hin.

„Besser für dich, wenn du sie vorher ißt. „

Ohne zu protestieren, nahm ich sie ihr aus der Hand und begann zu löffeln.

Nach einigen Bissen jedoch unterbrach ich die Mahlzeit. Durch mein Aufsitzen, durch diese geringe Bewegung, war mein Kopf klarer geworden, und es formten sich Fragen in ihm.

„Warum tut ihr das?“

Wieder lächelte sie, ein müdes Lächeln diesmal.

„Ist wichtig für mein Volk. Wir müssen uns schützen. Du mußt uns schützen. „

„Schützen? Wie? Vor wem?“

Sie überlegte einen Moment.

Kein Lächeln mehr.

„Doch,“ sagte sie schließlich. „Du hast Recht zu wissen. Vater der Berge. “ Mit einer unbestimmten Geste wies sie aus dem Fenster. Dann fuhr sie fort. „Vor langer Zeit besuchte Vater der Berge oft mein Volk. Vater der Berge wichtiger Geist. Hat den Berg hier gemacht, beherrscht Berg. Ohne Vater der Berge kein Frieden in den Bergen. Wenn Menschen gut zu Berg, Berg gut zu Menschn. “ Sie seufzte.

„Aber Vater der Berge hält Abstand zu Menschen, fast immer. Nur einmal nicht. Einmal gab es wunderschönes Mädchen in Dorf. Das schönste Mädchen der Welt, mit Augen wie der Himmel und mit Haaren wie aus Feuer oder Sonne. So schön, dass selbst Vater der Berge hat sich verliebt. Aber Mädchen war in Jungen aus Dorf verliebt. Einfacher Junge der in Feld arbeitet und auf Llamas aufpasst hat sie vorgezogen. Da hat Vater der Berge den Jungen von Abhang stürzen lassen.

Doch das Mädchen wollte immer noch nicht. Hat sich von gleichem Abhang gestürzt. Vater der Berge sehr gekränkt. Hat an Menschen Rache gemacht. Niemand war sicher. Am liebsten hat Jungfrauen oder schöne junge Männer umgebracht. Aber auch andere. Mein Volk in viel Angst. Niemand wußte, was zu tun. „

Ich nahm ein paar weitere Löffel Suppe zu mir, und starrte sie an, wartete darauf, daß sie ihre Erzählung fortsetzte. Was hatte das alles mit mir zu tun?

„Aber eine Prophezeiung.

Weise Frau hat gesagt, daß Vater der Berge Opfer braucht. Einmal in einhundert Jahren. Ein Mädchen wie das, das er verloren hat braucht er, hat sie gesagt. Mädchen mit Haaren wie aus Feuer und Augen aus Himmel. Dreizehn mal mit Hilfe von Mann aus Dorf, und dann für ihn selbst. Aber alle Frauen hier haben schwarze Haare und schwarze Augen. Menschen weiter Angst. „

Eine Haarsträhne war über mein Gesicht gerutscht, drohte in der Suppe zu hängen.

Ich wollte sie hinter meine Ohren zurück streichen, doch etwas hielt mich ab. Ich hielt sie schon mit einer Hand fest, bewegte sie aber nicht, sondern betrachtete sie nachdenklich. Ich hatte mein Haar lange nicht mehr waschen können. Es war längst nicht mehr in seinem normalen, glänzenden, weichen Zustand. Aber dennoch war es eindeutig leuchtend rot.

„Dann kamen Menschen von deinem Kontinent,“ fuhr das Mädchen fort. „Alle hatten Angst vor ihnen, nur mein Volk sah eines sofort – Menschen waren hell und hatten hellere Augen, und manche hatten Haare wie Feuer und Augen wie Himmel, und manchmal waren da auch Frauen.

Nun wir wußten, daß Prophezeiung gut war. Eine fremde Frau entführt mit den richtigen Farben, und Vater der Berge hatte sie dreizehn mal durch den Körper eines Mannes aus dem Dorf. Und dann selber geholt. Danach einhundert Jahre Ruhe. Nur einmal in einhundert Jahren müssen wir das Ritual machen. „
Jetzt lächelte sie wieder, und blickte mich an.

„Als mein Vater dich auf dem Markt traf, waren einhundert Jahre fast um.

Deshalb können wir dich nicht gehen lassen. Ist wichtig für mein Volk. „

Vielleicht waren es die Drogen, vielleicht war es mein Fieber – die Bedeutung ihrer Worte erreichten mich kaum. Ich war froh zu wissen, warum ich hier war, und ich aß weiter meine Suppe, in der Hoffnung dann endlich wieder schlafen zu können. Was mit mir geschah, war mir fast egal. Dennoch, beinahe ohne mein Wissen, formte mein Mund eine Frage.

„Und – wenn der… der Vater der Berge mich holt, was geschieht dann mit mir? Sterbe ich, oder kann ich danach wieder gehen?“

Ihr Lächeln war distant wie eh und je.

„Weiß nicht. Das letzte Ritual ist einhundert Jahre her, kein Mensch lebt heute, der sich erinnern kann. Und die Legenden sagen nicht, was danach geschieht. „

Ich nahm noch einige Löffel voll Suppe zu mir, dann sank ich in mein Lager zurück.

Mir war ein wenig schwindlig, aber auch angenehm warm. Ich sah noch, wie die Tür aufging, und die beiden Männer wieder hereintraten, zwischen sich führten sie einen anderen jungen Mann, ein wenig größer als der beim letzten Mal, aber auch wieder gegen sie ankämpfend, und hechelnd wie ein Tier. Daß er mir die Decke wegzog und sich auf mich stürzte, spürte ich schon nicht mehr. Ich war in einen tiefen Schlaf gesunken.

*

Der Vater der Berge kam in der Nacht.

Ich weiß nicht, wieviel Zeit seit meinem Gespräch mit dem Mädchen vergangen war, noch weiß ich, wie oft sie mir seitdem noch Suppe gebracht hatte.

Ich schlief und auch in dieser Nacht sah ich meinen Freund auf einem Hügel stehen. Fast schon war ich daran gewöhnt, dass wir auf einander zu liefen, die Hände ausgestreckt, doch unfähig uns zu berühren. Mein Wunsch ihn zu erreichen war jedoch immer stärker. In den letzten Nächten (oder Tagen, mein Schlaf war nicht an Tageszeiten gebunden) war ich mit dem Gefühl erwacht, dass er noch da sei, dass ich nicht allein sei.

Einmal hatte ich ihn eindeutig atmen gehört doch als ich mich umwandte war er nicht da. Vielleicht würde irgendetwas passieren wenn wir es schafften, uns zu berühren? Mit noch grösserer Anstrengung lief ich zu ihm, und plötzlich waren unsere Gesichter keinen halben Meter voneinander entfernt. Dieses Mal streckte er die Hand auf mein Gesicht zu, als ob er meine Wange streicheln wollte, und seine Lippen waren geschürzt, als ob er vorhatte mich zu küssen.

Ich schloss meine Augen in Erwartung des Kusses, doch öffnete sie sofort wieder, als ich eine Kälte von ihm ausgehen spürte. Ich starrte in sein Gesicht und nahm auf einmal war, dass seine Augen leer waren, sein Blick starr – das waren nicht seine Augen. Panik ergriff mich als ich seinen Mund immer näher an meinem sah, sein Gesicht, seine Hand schon fast an meiner Wange. Plötzlich wollte ich weglaufen, wollte nicht, dass er mich berührte, küsste – aber konnte mich nicht bewegen.

Schon spürte ich seinen Atem…

… als ich schweissgebadet erwachte – die Tür war weit aufgesprungen, ihr Lärm hatte mich geweckt. Wind sauste in meine Hütte und liess mich zittern. Obwohl ich froh war aus diesem Traum erwacht zu sein, wünschte ich mir die Tür sei zu. Ich war gefesselt und konnte nicht aufstehen um sie zu schliessen.

Während ich noch darüber nachdachte, spürte ich seine Anwesenheit.

Ich konnte ihn weder hören noch sehen, doch ich wußte, daß er da war. Er befahl mir, aufzustehen. Verwundert zog ich meine Hände an meinen Körper – und spürte, daß sie nicht mehr am Bett festgebunden waren. Langsam stand ich auf. War er in der Hütte? Nein, und doch, ja. Aber er war auch draußen. Er rief mich.

Ich trat aus der Hütte ins Freie, ging ein paar Schritte nach vorne.

Neben mir bog sich das Gras und ein paar vereinzelte Büsche im Sturm. Vor mir ging ein Pfad steil hinab ins Tal, in dem das Dorf lag. Es war vollkommen dunkel dort, die Feuer waren gelöscht, die Menschen schliefen. Nur ungefähr konnte ich die Umrisse ihrer Häuser in der Dunkelheit ausmachen.

Der nachmittägliche Nebel hatte sich längst verzogen, leuchtend helle Sterne uebersäten den Himmel. Sie waren heller und naeher als ich sie je gesehen hatte.

Der Wind trieb die Wolken am Mond vorbei, helles Silberlicht und Dunkelheit wechselten sich in schneller Folge ab. Kleine Wassertropfen flogen im Winde und blieben an meinem Körper hängen. Ich stand vor der Hütte, sah hinunter ins Tal, und wußte kaum, daß ich fror, und daß ich nackt war. Ich bekam gewiß eine leichte Gänsehaut, und meine Brustwarzen richteten sich auf in der Kälte, doch ich zitterte nicht.

Meine Haut, der Sonne schon seit Wochen nicht mehr ausgesetzt, mußte blaß aussehen im Mondlicht, mein Haar umwehte wild meinen Kopf, flatterte im Wind, hätte die Sonne geschienen so hätte es wohl wirklich wie Feuer ausgesehen.

Ich atmete tief ein. Nach Wochen in der stickigen Hütte, voll von meinem eigenen Schweiß und dem unbekannter junger Männer aus dem Dorf, war die kalte Nacht in den Bergen eine Befreiung.

Doch dann hörte ich ihn wieder nach mir rufen. Nein, ich hörte nichts, ich spürte ihn. Sein Ruf war in mir. Ich drehte mich um, und begann den Berghang weiter hinauf zu klettern. Ich dachte nicht über meine Schritte nach, und doch wußte ich, wohin treten, daß ich nicht abrutsche.

Ich ging zielsicher in die Berge hinauf. Er rief mich, und zugleich leitete er meinen Weg – und ich fragte nicht, ich dachte an gar nichts.

Ich spürte hartes, stacheliges Gras unter meinen Füssen, und kleine Steine. Die Landschaft sah aus wie eine silberne Wüste, unwirklich im Mondschein. Weiter entfernt liegende Berge warfen unheimliche Schatten auf die Hochebene. Die Luft roch frisch und es war, als würde der Wind all den Dreck der letzten Wochen von mir waschen.

Irgendwann fand ich mich am Eingang zu einer Höhle wieder. Ich wußte nicht, wie weit ich den Berg hinauf geklettert war. In der Höhle war es dunkel, doch ich betrat sie sicheren Schrittes. Ich ahnte, daß in der Mitte der Höhle ein Abgrund war, der tief in das Innere des Berges führte, und so drückte ich mich vorsichtig an ihrer Wand entlang. Schließlich blieb ich stehen.

Und da war er.

Ich sah nichts, der Dunkelheit wegen, und vielleicht auch, weil man ihn nicht sehen kann.

Aber ich spürte die Hitze seines Atems, spürte, wie er vor mir kauerte, mich betrachtete – mein nackter Körper leuchtete weiß im Dunkel der Höhle, die sanften Rundungen meiner Brüste und Schenkel wirkten noch weicher im Kontrast zu den scharfen Kanten der Steine hier. Ich wußte nicht wie er aussah, aber ich spürte seine Größe, seine Stärke, spürte, wie schon sein Blick mich auf meinem Platz festhielt.

Spürte ihn, sah aber nichts, als einen leichten Umriß meines eigenen Armes nahe vor meinem Gesicht.

Ich bekam Angst, und drückte mich fest gegen die Wand. Die kalten Steine der Höhle schnitten in meinen Rücken, ein wenig Wasser lief an ihnen entlang. Vor mir war der Abgrund – und er. Plötzlich fürchtete ich zu fallen, fürchtete, daß jede unbedachte Bewegung mir das Leben kosten könnte – daß eine Flucht unmöglich war, selbst wenn ich aus freiem Willen meine Beine bewegen könnte.

Ich stand auf den Zehenspitzen und versuchte mich tief in die schützende Wand hinter mir zu lehnen, auch meine Hände krallten sich an ihren Steinen fest.

Dann, langsam, näherte er sich mir. Ich spürte seien Atem deutlicher auf meiner Haut, die Luft kitzelte und brannte auf mir. Der Atem berührte meine Knie, wanderte hinauf, blieb einige Zeit zwischen meinen Beinen verharren – plötzlich spürte ich überdeutlich, daß dort die Flüssigkeiten in mir zunahmen, daß ich einen starken Duft von dort verbreitete, den der, der da vor mir stand, tief in sich hinein sog.

Als er wieder ausatmete, spürte ich den warmen Hauch über meine empfindlichsten Körperteile streichen. Unwillkürlich öffneten sich meine Beine ein wenig.

Dann jedoch wanderte dieser suchende, forschende Atem weiter an mir hinauf, beschnupperte meinen Bauch, meine Brüste, meinen Hals, mein Haar. Endlich stand er zu voller Größe aufgerichtet vor mir, und noch immer sah ich nichts, nicht einmal einen Schatten, ich ahnte jedoch, daß er mich um vieles überragte. Dieses Nicht-Sehen machte mir Angst, und ich schloß meine Augen.

Eine weiche Berührung an meinem Hals ließ mich erschauern – das mußte seine Zunge sein, mit der er nun langsam begann, an meinem Körper nach unten zu wandern, ihn zu erforschen. Einige Augenblicke verweilte sie auf einer meiner Brüste, spielte mit der Brustwarze, danach mit der anderen.

Ich wußte, daß ich nichts sehen würde als die Höhle in der ich mich befand, wenn ich die Augen öffnete, und so hielt ich sie geschlossen, versuchte die Umrisse seines Körpers nur zu erahnen von der Wärme die er ausstrahlte.

Noch immer klammerte ich mich an die Wand hinter mir und wagte es nicht, mich zu bewegen, ich war sicher, daß ein falscher Schritt mich in einen Abgrund stürzen würde.

Er hockte nun wieder vor mir, seine Zunge befand sich zwischen meinen Beinen, fuhr langsam meine Innenschenkel entlang, sein Atem kitzelte mich. Ich spürte seine Lippen, fragte mich, ob sie menschlich waren oder nicht, als sie an meiner Haut sogen.

Sein Gesicht hielt einige Millimeter vor meiner Scham inne, er berührte mich nicht mehr, aber noch immer spürte ich seinen Atem, der warm über die empfindlichsten Stellen meines Körpers glitt. Ich wollte mich ihm entgegen drücken, wollte wieder berührt werden, aber zugleich ahnte ich, daß ich mich nicht bewegen durfte.

Dann war seine Zunge wieder da, zwischen meinen Beinen, und mir entfuhr ein zitterndes Stöhnen, als sie meine Lippen teilte, ein wenig in mich eindrang und dann weiter nach oben wanderte, die empfindlichste Stelle erreichte, sie umkreiste.

Zuerst langsam, dann immer fordernder, zugleich schien sein Mund (wenn er denn einen Mund hatte) an mir zu saugen, und innerhalb weniger Sekunden vergass ich den Abgrund vor mir, vergass die Krankheit der vergangenen Wochen, vergass wo ich war, vergass, dass ich nicht wusste, was für ein Wesen mich alles vergessen liess. Ich spürte nur wie all meine Nerven sich an diesem einen Punkt konzentrierten und wie all mein Fühlen zu explodieren schien.

Im selben Moment spürte ich, wie er sich wieder vor mir aufrichtete.

Noch immer war ich unfähig, mich in irgendeine Richtung zu bewegen, doch meine Angst war verschwunden. Ich spürte seine Zunge, seine Lippen nun wieder an meinen Brüsten, dann an meinem Nacken. Und zugleich spürte ich, wie er nun sein Glied gegen mich presste. Unwillkürlich bewegte ich meine Beine weiter auseinander. Ich dachte kaum noch über den Abgrund neben uns nach, oder darüber, dass ich nackt in einer Höhle war mit einem Wesen, von dem ich nicht wusste was es war.

Alles was ich denken konnte, war, dass ich dieses Wesen, dass in all seinen Proportionen grösser als ein Mensch zu sein schien, in mir zu spüren wollte.

Und als könnte er meine Gedanken lesen, begann er langsam in mich einzudringen. Gleichzeitig hatte er seine Hände (wenn es denn Hände waren) zu meinen Hüften bewegt, und umfasste sie, hob mich ein wenig an, und drückte mich gegen die Wand, so dass es mir noch weniger möglich war, mich zu bewegen, oder zu entkommen wenn ich dies wollte.

Für nur einige Sekunden öffnete ich meine Augen, und nahm war dass ich in der Luft hing, meine Füsse waren weit vom nächsten Felsvorsprung entfernt, und da der Mond nun in die Höhle schien, sah ich deutlich einen mindestens zwanzig Meter tiefen Abgrund vor mir gähnen. Wo das Wesen selbst stand konnte ich nicht sehen. Vielleicht war es so gross, dass es mit seinen Füssen den Abgrund berührte. Vielleicht konnte es fliegen und schwebte in der Höhle.

Vielleicht auch war es die Luft, die Höhle, der Berg selbst – ich sah nichts als die normale nächtliche Scenerie, aber ich spürte, wie er mich an meinem ganzen Körper berührte.

Seine Zunge schien wieder meinen Hals zu erforschen und ich stöhnte auf, als ich ihn im gleichen Moment in mich eindringen spürte. Ich schloss die Augen.

Langsam bewegte er sich in mir, zunächst drang er nur ein wenig ein, aber auch wenn ich ihn nicht sehen konnte, ahnte ich, dass ich ihn bald tiefer in mir spüren würde als jemals irgendeiner meiner menschlichen Partner fähig gewesen war.

Ich spürte wie er sich schneller, tiefer in mir bewegte, wie er mich dichter an sich zog. Ich glaubte seine Haut zu spüren, die mir manchmal glatt, weich, und menschlich erschien, dann wieder hart wie die eines Reptils, oder voller Haare wie die eines grossen Tieres.

Seine Arme umfassten mich und drückten mich gegen ihn. Er zog mich weg von der Felswand, meinem einzigen Kontakt mit der Erde, und für einen Moment konnte ich nicht anders, als mir vorstellen, wie seltsam mein heller, nackter Körper aussehen musste, der in der Luft schwebte, sich vor Erregung windend, doch ohne dass irgendjemand den, der diese Erregung verursachte, sehen konnte.

Doch im nächsten Moment spürte ich ihn wieder tief in mir stossend, und jegliches Denken verschwand in einer Welle von Erregung, die mich ergriff.

Während all das, was ich fühlte, mich übermannte, ich meinem Mund öffnete um meiner Erregung in Stöhnen Ausdruck zu geben, näherte sich sein Mund dem meinen, und die Zunge, die meinen ganzen Körper erforscht hatte, drang zum ersten Mal in meinen Mund ein.

Einige Sekunden konzentrierte ich mich nur darauf, wie diese Zunge meinen Mund erforschte, versuchte selbst mit Hilfe meiner Zunge, meines Mundes zu erfassen, um was für ein Wesen es sich handelte. Ich glaubte, riesige, scharfe Zähne zu spüren. Dann wieder konzentrierte sich all mein Fühlen unten, zwischen meinen Beinen, und ich spürte wie mich eine Welle des Vergessens überschwemmte. Ich fühlte nur noch, dachte nicht mehr.

Es war, als sei dieses Wesen überall in mir, und als seien seine Haende und tausende Zungen überall auf meinem Körper.

Ich spürte wie es mich weiterhin küsste, ich spürte, wie es weiterhin in mich eindrang, und zugleich spürte ich in meiner anderen Öffnung etwas in mich eindringen. Seine Finger? Oder hatte es mehr als ein Glied? Oder war da mehr als ein Wesen?

Irgendwo in meinem Hinterkopf tauchte noch einmal die ängstliche Frage auf, was mit mir geschah, was geschehen würde. Doch nur wenige Sekunden – wieder begann sich meine Erregung zu konzentrieren, ich spürte sie in mir explodieren, und ich vergass alles.

*

Sie fanden mich in den frühen Morgenstunden, im Schnee liegend. Lange konnte ich nicht dort gelegen haben, denn mehr als leichtes Fieber hatte ich mir nicht geholt. Ein paar Sekunden war ich verwirrt, als sie mich weckten – meine erste Erinnerung war ein weiterer fiebriger Traum, in dem wieder das viel zu blasse Gesicht meines Freundes zu Hause aufgetaucht war, doch diesmal weit entfernt, und unfähig mich zu berühren – als ob er Angst hatte, sich mir zu nähern.

Und dann, langsam, kam die Erinnerung an die vergangene Nacht zurück. Ich entdeckte den Vater des Mädchens, das mir die Suppe gebracht hatte. Jenen Mann, der mich hier her eingeladen hatte. Stotternd frage ich ihn nach der Höhle. Er schaute etwas verwirrt. Es gäbe in dieser Gegend keine Höhlen. Dann wurde ich ins Dorf zurückgetragen.

Die Menschen dort schienen mir fröhlicher als zuvor, und zum ersten mal sah ich das Dorf, ohne dass sich Nebel auf dasselbe gelegt hatte.

Die Steinhütten und Strohdächer sahen im Sonnenschein weniger ärmlich und traurig aus.

Man gab mir einen Tee der gegen das Fieber helfen sollte, dann brachte man ein Pferd für mich. Meine Krankheit schien auf einmal kein Hindernis mehr für die Heimreise zu sein, und ein paar Stunden später befand ich mich erneut in einem kleinen Bus, der die Kurven der Sandstrasse mit atemberaubender Geschwindigkeit nahm. Ich blickte aus dem Fenster die Abhänge hinab.

Sie machten mir keine Angst mehr.

Wie im Fieberrausch vergingen auch die nächsten Tage, in denen ich meine Eltern anrief, die mir Geld schickten, so dass ich in die Hauptstadt reisen und mir ein neues Flugticket kaufen konnte – das meine war längst verfallen.

Seit ein paar Monaten nun bin ich wieder zu Hause. Auch hier umgeben Berge meine kleine Heimatstadt. Sie sind winzig verglichen mit den Bergen dort, aber es geht eine unvorstellbare Kraft von ihnen aus.

Wann immer sich mir die Gelegenheit bietet entfliehe ich der Stadt um einen Hügel zu erklimmen und die Einsamkeit hier oben zu geniessen. Es scheint, dass ich besser in den Bergen klettern kann als je zuvor. Und die Berge bieten mir Schutz vor den besorgten Blicken meiner Eltern, die froh sind mich wiederzuhaben, aber nicht verstehen warum ich so anders als früher bin.

Noch mehr schützen sie mich von dem Getuschel der Nachbarn über das „Souvenir“, dass ich von meiner grossen Reise mitgebracht habe.

Wenn ich die Strassen entlanggehe scheint jeder mich zu erkennen, man blickt mir nach und stösst sich gegenseitig mit dem Ellenbogen an. Keiner von ihnen ahnt, dass das Kind, das ich in mir trage, nicht das Ergebnis irgendeiner Ferienliebe ist. Auch von den Jungen aus dem Dorf, von dem ich niemandem erzählt habe, ist keiner der Vater.

Wenn sie lachen und flüstern, steigt eine Wut in mir auf, die nicht die meine ist.

Der Wunsch, sie zu zerreissen, ihnen weh zu tun, die Berge über ihnen zusammenstürzen zu lassen. Das ist mein Sohn in mir. Und vor allem wenn ich eine junge Frau mit Haaren wie aus Feuer sehe – sei es meine eigene kleine Schwester, oder ein mir vollkommen unbekanntes Mädchen, brennt ein Verlangen in mir, das nicht aus meinem Herzen, sondern dem meines Kindes kommt.

Vielleicht gibt es ein Ritual, dass auch ihn besänftigen kann.

Aber wenn dem so ist, dann hoffe ich, dass sie es niemals herausfinden. Schliesslich will eine Mutter, dass ihr Kind gross und stark wird. Mein Sohn, der Sohn der Berge, soll mächtig sein, mächtiger noch als sein Vater.

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