Wenn die Nachtigall erwacht 01
Veröffentlicht am 23.07.2025 in der Kategorie AllgemeinGeschätzte Lesezeit: 33 Minuten, 0 Sekunden
Vorwort
Es gibt Charaktere, die bringt man irgendwann um, weil man ihrer überdrüssig wird. Andere schleichen langsam davon. Und dann gibt es noch solche, die einen nicht loslassen – denen man sich verpflichtet fühlt. Die Protagonistin dieser Geschichte ist vor langer Zeit aus einer Laune heraus entstanden und mit jedem Absatz stärker geworden.
Ich habe lange gerungen, und wem es langatmig, pathetisch oder zu verworren vorkommt, dem sei gesagt: Es liegt mehr unter dem Tisch als darauf.
Prolog
Die tief stehende Sonne warf eine verzerrte Silhouette des Transporthubschraubers auf den Boden der russischen Tundra, als dieser neben der Forschungsstation landete. Die Container der Forschungsstation standen auf Stelzen, denn seit einigen Jahren stiegen die Temperaturen im Sommer so weit an, dass sich der seit Jahrtausenden gefrorene Boden für einige Wochen in eine matschige Ödnis verwandelte. Ein kräftiger Russe half einer rothaarigen Frau aus dem Hubschrauber und begleitete sie über einen provisorischen Pfad zum Labor.
*
»Da ist es! Wir haben es bei Grabungen gefunden und die Geologen konnten damit nichts anfangen. Sie hielten es für ein versteinertes Ei. Als ich die ersten Bilder davon sah, habe ich ihre Organisation verständigt«, sagte die Männerstimme in gebrochenem Englisch, nachdem sie die Schutzanzüge angelegt hatten und den Sicherheitsbereich des Labors betraten. Auf einem Tisch lag ein schwarzes, faustgroßes Objekt, das von grellem Neonlicht angestrahlt wurde.
Seine weit gereiste Besucherin schwieg. Durch das verspiegelte Visier des Schutzanzuges blieb ihm auch ihre Mimik verborgen. Er fragte: »Ist es das, was ich denke?«
»Es sieht zumindest so aus«, antwortete eine Frauenstimme in fließendem, amerikanischem Englisch und griff nach dem Objekt, um es sich näher zu betrachten.
»Haben sie einen CT–Scan gemacht?«
»Nein, wir haben keinen mobilen Scanner und ich wollte es nicht von hier wegbringen, bevor sie einen Blick darauf geworfen haben.
«
»Haben sie eine UV–Lampe?«, fragte die Frau.
»UV–Lampe? Ja Moment!«, sagte der Russe.
»Dimmen sie die Beleuchtung«, sagte sie und richtete den Lichtkegel der UV-Lampe auf das Objekt. Da, wo das Objekt vom UV–Licht getroffen wurde, erschienen feine orangefarbene Linien.
»Unglaublich!«, hauchte die Frau und drehte das Objekt, um den Verlauf der ineinander verschlungenen Linien über den gesamten Umfang betrachten zu können.
»Also müssen wir es melden. «
»Nein, wir müssen das nicht melden«, korrigierte ihn die Frau, »das ist keine Datenkapsel der Roten Königin. Das hier ist viel älter — wahrscheinlich ist es so alt, dass davon keine Gefahr mehr ausgeht. «
»Aus diesem Grund ist wohl auch der übliche Schnelltest negativ ausgefallen. «
»Vermutlich«, sagte die Amerikanerin, »Diese Datenkapsel ist vor sehr langer Zeit eingefroren und in einen Dornröschenschlaf gefallen, aus dem sie alleine nicht wieder herauskommt.
Es gibt wahrscheinlich nur noch ein Wesen auf der Erde, dass diese Datenkapsel wachküssen kann.
»Wer?«
»Die Blaue Königin«, antwortete die Amerikanerin so gelassen, als wäre es Allgemeinwissen.
»Es gibt noch eine Königin?«, fragte der Russe. Er wusste von der Roten Königin, deren Existenz über ihren Tod hinaus öffentlich dementiert wurde. Journalisten und Wissenschaftler, die allzu offenherzig darüber berichteten, erlebten oftmals schmerzhafte Einschnitte in ihren Lebensläufen.
»Ja, es gibt noch eine Königin«, bestätigte die Amerikanerin, »ihre Geschichte ist eng mit der Roten Königin verknüpft, und ich könnte ihnen den ganzen Abend davon erzählen, aber ich versuche, mich auf das Wesentliche zu beschränken. «
Während sie die Datenkapsel für den Transport vorbereitete, begann sie zu erzählen: »Die Blaue Königin war einst eine Drohne der Roten Königin und davor war sie ein ganz normales Mädchen.
Miriam war gerade 18 Jahre alt, als die Rote Königin auf sie aufmerksam wurde. «
»Woher wissen sie das?«
»Miriam, also die Blaue Königin, hat es mir erzählt«, antwortete die Amerikanerin, während sie die Datenkapsel in einem luftdichten Glaszylinder verstaute und ihre Erzählung fortsetzte: »Sie war eine Drohne der Roten Königin geworden. Das Besondere, das Einzigartige an Miriam, war ihre Fähigkeit der Rückverwandlung. Der Roten Königin war es gelungen eine Drohne zu erschaffen, die ihr ursprüngliches, menschliches Aussehen annehmen konnte.
Alle Drohnen vor ihr waren an ihre außerirdische Erscheinung gebunden. Und so prächtig und verlockend sie auch aussahen, in einer Welt voller Menschen ist es vorteilhaft, wie ein Mensch aussehen zu können. Auf ihrer Flucht aus Europa opferte die Königin Miriam, um sich und ihr restliches Kollektiv zu retten. Miriam überlebte, geriet in Gefangenschaft und versuchte über die Anderswelt Kontakt zu ihrer Königin aufzunehmen. «
»Was ist die Anderswelt?«, fragte er.
»Die Anderswelt ist ein visionärer Ort, der nur im kollektiven Geist der Aliens existiert. Sie können diesen Ort nicht mit ihren Körpern, aber mit dem Bewusstsein besuchen, um sich mit den anderen ihrer Art auszutauschen. Miriam besuchte diesen Ort oft während ihrer Gefangenschaft, aber sie fand niemanden ihrer Art. Als sich die Gelegenheit bot, floh sie aus dem Labor, um die Rote Königin zu suchen. Um ihre Chancen zu erhöhen, übertrug sie ihre außerirdischen Gene auf andere Menschen – schuf weitere Drohnen, damit sie es als Gruppe zurück zur Königin schaffen könnten.
Miriam glaubte, im Willen der Roten Königin zu handeln, aber bei einem Besuch in der Anderswelt nahm die Rote Königin dann doch Kontakt mit Miriam auf.
»Und?«, fragte der Wissenschaftler gespannt.
»Die Königin wollte nicht von Miriam gefunden werden. Denn Miriam wurde von den Menschen verfolgt und würde sie direkt zur Roten Königin führen. Die Königin konnte Miriam in der Anderswelt nicht töten, aber sie strafte ihre Drohne mit Blindheit.
Von nun an war es Miriam nicht mehr möglich, die Anderswelt zu sehen. Ihr kontemplativer Cortex — ihr inneres Auge — war zerstört. Miriam war zwar von der Anderswelt ausgeschlossen, aber sie konnte die Gedanken der anderen Drohnen, die sie um sich geschart hatte, hören. Erst war es nur ein Flüstern im Chaos der Gedanken: ‚Miriam könnte unsere Königin werden. ‚ So absurd Miriam die Idee auch fand, es war weniger Furcht einflößend, als zu sterben.
Und so stimmte sie dem Wunsch der anderen Drohnen zu. Gemeinsam schufen sie einen Cerebrat, durch den Miriams Weiterentwicklung zur Königin möglich wurde. «
Der russische Wissenschaftler hatte den Glaskolben, in dem sich die Datenkapsel befand, in einem Edelstahlgefäß verstaut und den Deckel darauf geschraubt. Jetzt unterbrach er die Amerikanerin: »Was ist ein Cerebrat?«
»Das ist ein Kapitel für sich«, sagte sie lapidar und setzte ihre Erzählung fort: »Miriams wurde zur Blauen Königin.
Trotz dieser Reifung auf die höchste Existenzstufe ihrer Art, blieb ihr inneres Auge blind für die Anderswelt. Sie war eine blinde Königin, aber als Königin war ihr Wille frei, es gab keine Stimme mehr, die über ihr stand. Sie entschloss sich, die Rote Königin zu suchen, in der Hoffnung auf Antworten. Miriam fand das Versteck der Roten Königin im Dschungel Südamerikas. Dort erkannte Miriam, dass die Rote Königin nicht weniger als die ganze Welt wollte.
Ihre Art sollte die Menschen von der Erde verdrängen und deren Platz einnehmen. Um dieses Ziel zu erreichen, hatte die Rote Königin Datenkapseln auf der Welt verteilt. Die eiförmigen, faustgroßen Gebilde waren vollgepackt mit den genetischen Besonderheiten ihrer Art. Sobald ein Mensch damit in Kontakt kam, würde er dieser fremden Macht erliegen und in deren Willen handeln. «
»Und?«, fragte der Russe, »hat die Blaue Königin der Roten geholfen?«
Die Amerikanerin schüttelte vehement mit dem Kopf: »Nein.
Der Fanatismus der Roten Königin widerstrebte ihr. Miriam entschied sich gegen ihre eigene Art und kämpfte gegen die Rote Königin. Während dieses Kampfes erfolgte auch ein Angriff der Menschen auf das Versteck der Roten Königin. Diesen Angriff überlebten nur die beiden Königinnen und eine von Miriams männlichen Drohnen. Geschwächt, aber nicht besiegt, stellte sich Miriam der Roten Königin erneut im Kampf und tötete sie. Die Blaue Königin und eine ihrer Drohne waren nach dieser Schlacht die einzigen überlebenden ihrer Art.
»Was für eine fantastische Geschichte«, sagte der russische Wissenschaftler und nahm den Helm seines Schutzanzugs ab. Das Objekt war sicher in dem Metallzylinder verstaut und es drohte keine Gefahr mehr.
»Was ist mit ihr – wo ist sie jetzt?«, fragte er.
»Oh, die Geschichte geht noch weiter: Weiterhin von den Menschen gejagt, entschloss sich Miriam, den Kampf gegen die Brut der Roten Königin aufzunehmen.
Denn obwohl die Roten Königin tot war, lagen deren Datenkapseln überall auf der Welt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein neugieriger Mensch danach griff und deren Macht verfiel. Bei diesem Kampf starb Miriams einzige verbliebene Drohne. Die Menschen erkannten, dass Miriam oft in Erscheinung trat, wenn ein Mensch in Kontakt mit einer Datenkapsel der Roten Königin gekommen war. Ihnen wurde bewusst, dass diese Blaue Königin den betroffenen Menschen half. Miriam konnte die Mutation unter gewissen Umständen umkehren.
Miriam war Anfang zwanzig, als sie zum Mitglied einer Spezialeinheit wurde, die auftauchte, wenn irgendwo auf der Welt etwas Ungewöhnliches passierte. Die Menschen und Baue Königin bekämpften das Erbe der Roten Königin gemeinsam. Miriam war 25 Jahre alt, als die Meldungen über Alienaktivitäten stetig abnahmen. Es schien, als sei die Brut der Roten Königin besiegt. «
»Durch ihre Mitarbeit bei der Rettung der Menschheit bekam Miriam die Chance, ein neues Leben zu beginnen, sofern sie sich wie ein Mensch verhalten würde.
«
»Aber sie wird uns bei der Erforschung dieser Datenkapsel sicher helfen, oder?«
»UNS wird sie schon einmal gar nicht helfen«, stellte die Amerikanerin klar und verstaute den Edelstahlbehälter in einem Aluminiumkoffer.
»Aber der Fund ist Eigentum der Russischen Föderation«, warf der Russe ein.
»Nein, die Datenkapsel ist Eigentum des Konzerns, der die Schürfrechte in diesem Gebiet erworben hat, und dieser Konzern möchte so wenig Aufsehen wie möglich um die Sache machen.
Sie und ihre Kollegen haben die Grabungen lange genug aufgehalten. Und die kurzen Sommer sind in dieser Gegend kostbar, wenn man Bodenschätze sucht. «
»Aber …«, sagte der Wissenschaftler und wurde barsch unterbrochen.
»Ich habe die Datenkapsel gekauft, schon bevor ich mich von der Echtheit überzeugen konnte, und ihnen rate ich, sich nicht weiter mit diesem Vorfall zu beschäftigen!«
Willkommen
Miriam stand am Tresen im Kundenzentrum des Rathauses und beobachtete den Kommunalbeamten, wie er den Computer in Zeitlupe bediente.
Die Klimaanlage war so kalt eingestellt, dass sich ihre Brustwarzen gegen das bauchfreie Top drückten, was sie im Anbetracht der Situation nicht wirklich erheiterte. Sie verschränkte die Arme und versuchte, sich in Geduld zu üben. Auf ihren Armen bildete sich eine Gänsehaut. Sie machte sich um ihre Nieren Sorgen. Noch mehr Sorgen machte sie sich aber über die Aushändigung ihres Personalausweises und des Reisepasses. Die Dokumente waren angeblich fertig und könnten abgeholt werden, aber der Sachbearbeiter zögerte die Sache dermaßen in die Länge, dass Miriam ungeduldig wurde.
»Ey, ich bin jetzt auch deutsch, weisdu!«, rief ein südländischer Typ am Schalter nebenan in sein Handy und wedelte mit einem Reisepass. Der für Miriam zuständige Beamte lächelte gequält und schenkte ihr einen vertrauensvollen Blick, der signalisierte, dass er sie als Eingeborene einstufte, was auch richtig war. Miriam war in Deutschland geboren, ihre alten Dokumente waren lediglich durch einen dummen Zwischenfall abhandengekommen. Als indirekte Konsequenz daraus war sie in den letzten Jahren überall auf der Welt zu Hause und sammelte auch ohne Reisepass mehr Flugmeilen als mancher Außenminister.
»So, Sie müssen dann bitte hier und hier den Empfang bestätigen«, sagte der Beamte und schob die Dokumente über den Tresen.
»Ey, ich bin jetzt auch deutsch!«, flüsterte Miriam als Persiflage auf den Freudentaumel am Nachbarschalter. Sie lachte den Mann so herzlich an, dass er sich der Heiterkeit nicht erwehren konnte und das Lächeln erwiderte.
Während Miriam das Gebäude verließ, steckte sie ihre Dokumente in die Handtasche und fragte sich, ob das alles gewesen sein sollte.
Dafür, dass sie vor einigen Jahren gejagt wurde, wie ein Topterrorist, um anschließend die Schlüsselfigur bei der Rettung der Menschheit zu sein, hätte man das feierlicher gestalten können.
*
Auf dem Rathausplatz wallte Miriam sommerliche Hitze entgegen, das war ihr angenehmer, als die unterkühlten Räume des Rathauses. Die Luft flimmerte über den Straßen der Innenstadt. Sie schlenderte über die Gehsteige und wendete sich der Sonne zu. Das Licht war trotz der übergroßen Gläser ihrer Sonnenbrille unangenehm grell.
Ein mehrmals aufheulender Motor erregte ihre Aufmerksamkeit: die schwarze Dodge Viper, tief, breit, mit getönter Heckscheibe, stand vor einer roten Ampel und wurde von ihrem Fahrer im Leerlauf auf hohen Drehzahlen gehalten. Sie ging zwei Schritte auf ihren hohen Riemchensandalen, neigte den Oberkörper vor und schaute den Fahrer durch die Scheibe der Beifahrertür an. Der zarte weiße Stoff des bauchfreien Tops schmiegte sich an die Konturen ihrer Brüste, die durch ihre Körperhaltung einladend auf Höhe des Wagenfensters prangten.
Der Fahrer bemerkte sie und ließ das Gaspedal in Ruhe.
»Und was gab es noch zum Geburtstag?«, fragte Miriam nach dem Öffnen der Beifahrertür. Sie führte das erste ihrer langen Beine in den Fußraum und nahm neben ihm Platz. Die schwarze Lackhose im Stil einer Jeans spannte sich eng und glänzend über ihren Po und die Oberschenkel. Unterhalb der Knie ging das Material in einen Bootcut über.
»Oh, Ledersitze«, stellte sie fest, zog das zweite Bein nach, schloss die Beifahrertür und schob ihre Sonnenbrille über die hohe Stirn in die leicht gewellten Haare.
Tiefgrüne Augen, wach und intelligent, umrandet von schwarz getuschten Wimpern, blickten den Fahrer an, der die Szene bisher wie ein teilnahmsloser Zuschauer beobachtet hatte. Ihr Blick zog ihn ins Geschehen, signalisierte: „Ich sehe dich!“
In einer ersten langsamen Bewegung richtete er sich aus seiner bequemen Sitzhaltung auf und bemühte sich um Lässigkeit. Er starrte auf ihren flachen Bauch: Der handbreite Streifen nackte Haut, zwischen Hose und Top, wellte sich leicht — Speckrollen sahen anders aus.
Er hob den Kopf, um sich Miriams Blick zu stellen.
»Grün«, sagte sie zu ihm. Er nickte verträumt. Sie schüttelte den Kopf.
»Ich meine die Ampel, die ist grün. «
Die 335 Pferde unter der Motorhaube ließen sich nicht abwürgen, kamen aber ins Stolpern. Auf der Kreuzung quietschten die Reifen, als der Wagen eine scharfe Rechtskurve machte, um in eine schmale Seitenstraße abzubiegen.
Nach einigen Metern lenkte er das Auto in eine freie Parklücke, in den Schatten einer großen Platane.
*
Als sich der blonde Haarschopf in seinen Schoß gesenkt hatte, atmete er tief ein und rollte mit den Augen. Diese heiße Biene hatte sein Hose mit einem geradezu gierigen Blick geöffnet. Alleine dieser Blick verschaffte ihm eine Blitzerektion, wie es ihm schon lange nicht mehr passiert war. Er hatte in seinem Leben schon einiges erlebt, da kam man nicht mehr so schnell aus der Ruhe.
Aber bei dieser … Fremden, fühlte er sich wie ein Junge, der zum ersten Mal Papas Pornohefte durchblätterte.
Ihre Zunge war flink wie der Flügelschlag eines Kolibris, dabei gelang es ihr gleichzeitig an seiner pumpenden Eichel zu saugen, als müsse sie ein Eis kurz vor dem Schmelzen weglutschen. Er rang um einen gefassten Gesichtsausdruck, die Sonnenbrille half ihm dabei. Es war immerhin heller Tag und obwohl er in einer Seitenstraße parkte waren überall Menschen.
Das schien den Blondschopf zwischen seinen Beinen überhaupt nicht zu stören. Kurz bevor es ihm kam, begann sie zu stöhnen, als könne sie seine Empfindungen erahnen. Ihre Lippen schlossen sich fest um den Schaft und sie schluckte den heißen Saft Schub um Schub, bis die Quelle versiegte.
»Woa! Scheiße, bist du gut. «
Miriam richtete den Oberkörper auf und setzte sich ordentlich auf den Beifahrersitz. Sie frischte ihren dezenten Lipgloss auf, schielte frech zur offenen Hose des Fahrers und sagte: »Danke.
«
»So geil bin ich schon lange nicht mehr gekommen. «
»Du bist generell schon lange nicht mehr gekommen. «
»Woher weißt du das?«
Sie hielt sich ihre nach oben gereckten Zeigefinger an die Stirn und winkte damit in seine Richtung.
»Ich habe Antennen für so was. «
In einer schwerfälligen Bewegung zog er sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche.
»Handwerk hat goldenen Boden, sag ich immer … das Schlucken kostet bestimmt extra …«
»Ich will dein Geld nicht, du hast mir bereits gegeben, was ich wollte«, sagte Miriam mit einem mitfühlenden Lächeln.
Der Knall der zuschlagenden Autotür ließ ihn erschrocken aufblicken. Da saß er mit seinem Geld und verstand die Welt nicht mehr.
***
Eine Straßenecke weiter eilte Miriam die Treppen zum naturkundlichen Museum empor und löste eine Tageskarte.
Ihre Absätze hallten auf dem Steinboden des Saals und wurden als Echo von der gewölbten Decke reflektiert. Sie blieb vor einem Dinosaurierskelett stehen, steckte ihre Sonnenbrille in die Haare und ließ den Raum auf sich wirken. Mit wuchtiger Gelassenheit trotzten die Sandsteinmauern der Großstadthektik und der Hitze des Sommers. Sie nahm die Ruhe der Umgebung in sich auf und folgte mit ihrem Blick der Wirbelsäule einer Riesenechse.
»So sieht das aus, wenn man im Ruhestand ist«, sprach sie zu sich selbst.
Sie ging mit bedächtigen Schritten in den westlichen Gebäudeflügel und durchlief die fast menschenleeren Räume, ohne den zahlreichen Exponaten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Miriam fand den großen Raum, der Charles Darwin gewidmet war, trat ein, und schaute sich um. An der gegenüberliegenden Wand war er: „Der Baum der Evolution“, ein übergroßes Wandgemälde mit einem stilisierten Baum. Miriam nahm auf einem Podest aus schwarzen Spanplatten in der Mitte des Raums im Schneidersitz Platz und ließ das Bild auf sich wirken.
Bei den ersten Einzellern beginnend, rankte sich der Stamm empor und gabelte sich mehrfach. Sie folgte den Wirbeltieren, den Warmblütern, den Säugetieren und schließlich, auf einem kleinen Ästchen, saßen die Primaten. Homo sapiens war übertrieben groß dargestellt, als wäre er das Oberhaupt dieser Gruppe. Miriam schaute sich im Raum um: Ja, wahrscheinlich war Homo sapiens so etwas wie ein Oberhaupt. Schimpansen stellten ihre Vorfahren zumindest nicht in Glasvitrinen aus. Mit einem erleichterten Seufzen ließ Miriam den Blick zurück zum Gemälde schweifen.
‚Eigentlich kommt man mit ihnen ja ganz gut aus‘, dachte sie, als sie hinter sich eine Bewegung erahnte.
»Ganz schön blöd«, sagte eine Männerstimme. Sie schaute über ihre Schulter und sah einen jungen Mann in Jeans, T-Shirt und mit liebevoll verstrubbelten Haaren. ‚Hat er mich überhaupt gemeint?‘, fragte sich Miriam.
»Ganz schön blöd«, wiederholte er, »so ein großes Museum, und dann nur ein Bild in der letzten Ecke.
«
Miriam konnte sich ihre schüchterne Ratlosigkeit nicht erklären, ihr fiel einfach keine sinnvolle Antwort ein. Sie lächelte verlegen. Er nahm, eine Armlänge von ihr entfernt, auf dem Podest Platz.
»Kaffee oder Tee?«, fragte er.
Miriam neigte den Kopf fragend zur Seite und schwieg grinsend, bis er den Kopf drehte und ihren Blick erwiderte.
»Oh, mein Gott!«, sagte er und schluckte sichtbar, »habe ich dich angesprochen?«
»Ja.
«
»Ich dachte, ich stehe noch dort hinten an der Säule und denke über einen lockeren Spruch nach. «
»Du dachtest, dass du denkst?«, fragte sie mit leiser Mädchenstimme.
»Ja, Mist: ich dachte, dass ich denke … «, gab er kleinlaut zu und ließ den Kopf gespielt enttäuscht hängen.
»Ist schon o. k. «, sagte Miriam und zeigte an dem Baum der Evolution auf den Zweig der Primaten, »Du gehörst ja rein biologisch zu den denkenden Vertretern deiner Ordnung.
«
Sie klang wie ein Schulmädchen bei der mündlichen Prüfung und warf ihrer Aussage ein entschuldigendes Lächeln hinterher – er konnte ja nicht wissen mit wem er es zu tun hatte. Er blickte sie mit heruntergezogenen Augenbrauen und vorgeschobenen Lippen an, zeigte auf sich und sprach mit der rauen Stimme eines Höhlenmenschen: »Ich Sven und du?«
»Miriam«, sagte sie lachend und strich sich die Haare in einer charmanten Geste hinters Ohr.
Schweigend blickten Sven und Miriam auf das Gemälde, ohne es zu beachten. Scheue Seitenblicke wichen sich gegenseitig aus. Verlegenes Lächeln, wenn der eine den anderen ertappte.
Miriams Neugier an Sven wuchs durch das, was er nicht tat: sie mit gierigen Augen anstarren. Die strubblige Kurzhaarfrisur war nicht das Ergebnis einer unruhigen Nacht, sondern sorgsam gepflegtes Chaos, oberhalb eines sanft gezeichneten Gesichts. Einem Gesicht, dem für Miriams Geschmack, ein paar Jahre Lebenserfahrung fehlten.
Sie hätte aufstehen und gehen können, aber sie saß einfach da und schaute ihn an. Entweder war er sich nicht im Geringsten darüber bewusst, was er gerade tat, oder er war mit allen Wassern gewaschen — aber dafür sah er zu jung aus.
Sven drehte den Kopf in ihre Richtung und grinste verwegen. Erwischt! Miriam hatte ihn einen Moment zu lange verträumt angeschaut und das Spiel der Blicke verloren. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die Niederlage schmunzelnd einzugestehen, den Blick auf den Boden zu richten und ihr Gesicht hinter einem Vorhang aus langen blonden Haaren zu verbergen.
»Du bist gut«, sagte er mit der gönnerhaften Überlegenheit des Siegers. Miriam löste den Schneidersitz auf, streckte ihre Beine nach vorne und ließ sich vom Podest rutschen.
»Du auch«, hauchte sie und lief an ihm vorbei.
»Sehen wir uns wieder?«
Miriam blieb stehen und peilte ihn durch ihre herabhängenden Haare an: »Vielleicht. «
*
‚Was für eine Figur!‘, dachte Sven und schaute den langen Beinen so lange nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwanden.
Der Hall ihrer Absätze wurde leiser und er atmete erleichtert aus. Er ging bei ihrem Aussehen und dem selbstbewussten Outfit davon aus, dass sie ihn durch die Nase einsaugen, durchkauen und dann herablassend in die Ecke spucken würde. Und in diesem Fall hätte er die Abfuhr als Gewinn verbucht: eine bittersüße Lehre für die Eroberung zukünftiger Ex-Freundinnen. Stattdessen war sie schüchtern wie eine Klosterschülerin, und so süß, dass es ihm fast leidtat, sie mit seinen blöden Sprüchen aus ihrer heilen Welt gerissen zu haben.
*
Die Ruhe des Gebäudes wirkte nicht mehr auf Miriam, sie eilte mit schnellen Schritten zum Ausgang und versteckte sich hinter ihrer Sonnenbrille. ‚Ich habe mich wie ein verdammter Nerd verhalten‘, warf sie sich vor und erreichte den großen Saal mit den Dinosauriern, sah mit einem Blick über die Schulter, dass sie nicht von Sven verfolgt wurde, und blieb vor einem Raptorenskelett stehen. Sie war den rauen Umgang mit Elitesoldaten gewohnt, konnte sie sich vom Hals halten oder um den Finger wickeln, je nach persönlichem Befinden.
Aber gegen die frech-charmante Anmache dieses Sunnyboys versagten ihre Instinkte.
Sie blickte zurück zum Aufgang in den Westflügel, schüttelte den Kopf und verließ das Museum. Bis zu ihrem 18 . Lebensjahr war ihr dieses Spiel vertraut gewesen: hingucken, weggucken, lächeln, warten, wie der andere reagiert. Vielleicht war es Zeit, sich wieder mal auf dieses Spiel einzulassen.
***
Mit einem Tablett, auf dem ein 30 -Zentimeter-Steak & Cheese Sandwich und eine große Cola standen, balancierte Miriam durch die Subway–Filiale und fand einen Sitzplatz am Fenster.
Nach einem großen Bissen schaltete sie ihr Smartphone ein und wählte sich in den freien WLAN–Hotspot ein, um ihre E-Mails abzufragen. Wie zu erwarten, waren keine E-Mails in ihrem Postfach, der Account bestand ja erst seit ein paar Tagen. Lediglich eine Nachricht, die als Spam-Mail klassiert war, befand sich in dem dafür vorgesehenen Verzeichnis. Kauend öffnete sie den Unterordner und fand eine Mail. Der Name des Absenders war eine kryptische Zeichenfolge, die wohl keinen tieferen Sinn hatte.
In der Betreffzeile stand jedoch: „An die Blaue Königin“.
‚Fuck!‘, der Gedanke schlug wie ein Blitz in ihrem Kopf ein. Das war keine Spam-Mail und wahrscheinlich konnte man den Absender auch nicht zurückverfolgen — zumindest fehlten ihr die technischen Möglichkeiten dafür. Ihr Finger kreiste über dem Display, aber sie zögerte mit dem Öffnen der Mail und biss noch einmal vom Sandwich ab.
Sie war die Blaue Königin, zumindest war dieses Wesen ein Teil von ihr.
Genau der Teil von ihr, der in ihrem zukünftigen Leben nicht mehr den Ton angeben sollte. Die Blaue Königin war offiziell im Ruhestand. Der sinngemäße Inhalt der letzten Botschaft aus Langley besagte: „Es gibt keine Hinweise mehr auf Aliens, die Abteilung wird bis auf Weiteres aufgelöst. Lebe lange und in Frieden, aber vermehre Dich nicht!“
Damit endete eine jahrelange, von gegenseitigem Misstrauen geprägte Zusammenarbeit mit der CIA und deren befreundeten Geheimdiensten.
Alleine die letzte Einzahlung auf ihrem Schweizer Bankkonto reichte für ein geruhsames Leben. ‚Ich habe Geld, ich habe einen Personalausweis und ich habe meine Ruhe‘, dachte Miriam, und ihr Finger schwebte knapp über dem kleinen Papierkorbsymbol, mit dem sie die Mail ungeöffnet vom Display verschwinden lassen könnte. Wenn da nicht der latente Verdacht bestünde, dass sie bewusst aus dem Spiel genommen wurde, weil Dinge geschahen, von denen sie nichts wissen sollte.
Sie aß den Rest des Sandwiches und starrte kauend durch das Schaufenster auf die Straße.
Schließlich stellte sie den leeren Colabecher auf das Tablett und öffnete die E-Mail, die an die Blaue Königin gerichtet war. „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“, stand auf dem Display. Ihre früheren Aufträge bekam sie nicht mit den Worten von toten Dichtern übermittelt. Der Text war ein Hyperlink. Miriam klickte ihn an und landete auf einer Website, die eine Landkarte anzeigte. Gar nicht weit von ihrer neuen Heimatstadt, blinkte ein kleiner Punkt. Sie zoomte die Karte größer und erkannte, dass es sich um einen stillgelegten Militärflugplatz handelte.
Je größer sie die Karte zoomte, desto größer wurde auch der blinkende Punkt. Als sie ihn ganz groß gezoomt hatte, sah er aus wie ein Osterei.
»Fuck!«, zischte Miriam. Auf dem Display erschienen GPS–Koordinaten sowie eine Datums- und Zeitangabe. ‚Das ist heute Nacht!‘, wurde Miriam bewusst. Sie schaltete ihr Smartphone aus, demontierte den Akku und verstaute die Einzelteile in ihrer Handtasche. Mit einem dezenten Rundblick versicherte sie sich, dass niemand Zeuge dieser skurrilen Botschaft geworden war, und verließ das Restaurant.
***
Nachdenklich stieg Miriam aus der S-Bahn, trottete zwei Häuserblocks weiter und schlüpfte durch ein Loch im Zaun. Sie durchquerte das brachliegende Industriegelände, indem sie mit ihren hohen Sandalen über die alten Schwellen einer stillgelegten Bahntrasse tippelte. Zwischen den Bahngleisen wuchsen armdicke Birken und kratzige Büsche. Die offen stehenden Tore der Maschinenhalle ließen das Gebäude wie ein ausgeweidetes Tier erscheinen. Wo einst Generatoren und stampfende Maschinen standen, ragten abgetrennte Rohre und Kabel aus dem Boden.
Miriam lief durch die Halle zur gegenüberliegenden Wand und eilte die Stufen der Metalltreppe empor. Unter der Hallendecke waren einst Büros für die Verwaltung, jetzt wohnte sie hier seit einigen Wochen. Eine ruhige Nachbarschaft und die Nähe zur Innenstadt waren ihr wichtiger als Wohnkomfort. Vor allem anderen legte sie, einer alten Gewohnheit folgend, Wert auf Anonymität. ‚Wenn ich mein neues Leben im Griff habe, nehme ich mir eine Wohnung mit beschriftetem Klingelschild‘, nahm sie sich vor und verriegelte die Tür ihrer Unterkunft.
Der lange Flur zog sich schnurgerade durch den ehemaligen Bürotrakt. Auf der zur Produktionshalle hingewandten Seite waren Fenster, durch die man einst die Halle überblicken konnte. Miriam hatte diese Fenster mit alten Zeitungen beklebt, um sich, ungestört von Beobachtern, bewegen zu können. Durch einige kleine Löcher konnte sie die Halle jedoch gut einsehen. Auf der anderen Seite des Flurs befanden sich die Türen zu den einzelnen Räumen. Büros mit rechteckigen Grundrissen, denen Miriam nur durch die spärliche Möblierung eine jeweilige Funktion zuwies.
Einzig die Küche und die Toiletten waren schon vor ihr da gewesen. Jeder Raum hatte ein Fenster nach Süden, durch das den ganzen Tag die Sonne hereinschien. Miriam ließ die Jalousien meist geschlossen, damit sich die Räume nicht überhitzten und um keine ungewollten Beobachter zu haben.
Sie streifte die Sandalen von den nackten Füßen, zog das weiße Top über ihren Kopf und schälte sich die Lackhose von ihren Beinen. Nackt bis auf einen weißen Spitzentanga fläzte sie sich auf die Ledercouch, die bereits in einem der Räume gestanden hatte.
Es war viel zu heiß, um angezogen nachzudenken. Es wurmte Miriam, dass jemand ihre E-Mail-Adresse ausfindig gemacht hatte. Allerdings hatte sie in den letzten Jahren tiefe Einblicke in die Welt der Geheimdienste erhalten und wusste, dass solche Dinge zur Routine gehörten. Was beabsichtigte der anonyme Absender? Vielleicht war es eine Falle, ein Test, ob sich die Blaue Königin wirklich an die Abmachungen hielt.
Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen starrte sie an die kahle Zimmerdecke und ging einige Optionen durch.
‚Ich könnte der Polizei einen anonymen Hinweis geben und abwarten, was in den Nachrichten davon erzählt wird‘, dachte sie und verwarf den Gedanken wieder. Mit dem Osterei in der Botschaft war kein Ei im eigentlichen Sinne gemeint. Obwohl die Insider allgemein von Eiern sprachen, war es eine Datenkapsel, die lediglich wie ein Ei oder eine faustgroße Frucht aussah.
Sie selbst war in der Lage, solch eine Datenkapsel zu produzieren. Jedes Wesen ihrer Art konnte das und machte dies im Zustand höchster Not sogar instinktiv, um all sein genetisches Wissen, die evolutionären Besonderheiten, über den Tod hinaus zu sichern.
Wenn heute Nacht solch ein Ei auftauchen würde, käme darüber kein Bericht in den Medien, weil es das offiziell gar nicht gab.
»Es gibt nämlich gar keine Aliens«, flüsterte Miriam, erhob sich vom Sofa und ging barfuß in ihr Schlafzimmer.
Vor dem großen Standspiegel blieb sie stehen: Arme, Beine und das Gesicht waren von der Sonne leicht gebräunt, ihr restlicher Körper schimmerte in vornehmer Blässe. Abgesehen vom Kopfhaar und den Augenbrauen wuchsen keine Härchen auf ihrem Körper.
Sie atmete mit gesenkten Lidern ein und wieder aus, genoss die Veränderung und öffnete die Augen: Makellose, tiefschwarze Haut spannte sich faltenfrei von Kopf bis Fuß über ihren schlanken Körper. Miriam nahm die Schultern zurück und strich über ihre großen, straffen Brüste. Anmut und Stolz waren natürliche Wesensmerkmale der Blauen Königin, kein aufgesetztes oder eingeübtes Gehabe. Die Augenlider schimmerten in tiefem Blau, der Kontrast zu ihrem schwarzen Grundton zog sich bis über die Schläfen und verlor sich im Haaransatz.
Sie spitzte ihre kobaltblauen Lippen zu einem Kussmund und schaute ihrem Spiegelbild tief in die Augen.
»Hallo Blaue Königin«, sagte sie zu sich selbst und strich die langen blonden Haare hinter die Schultern. Im Kontrast zu ihrer schwarzen Haut wirkten die Haare fast weiß. Ihr königlicher Stand war kein anfechtbarer Titel, den sie sich selbst oder eine überzeugte Gruppe von Royalisten, verliehen hatte. Das Königliche war tief in ihren Genen verankert.
So, wie eine Bienen- oder Ameisenkönigin zeit ihres Lebens eine Königin war, so war Miriam eine Königin ihrer Art. Eine Art, die nicht von dieser Erde stammte und von der Miriam verdammt wenig wusste. Sie wusste nicht einmal, wie sich ihre Art nannte, oder was man von ihr erwartete.
‚Die Welt erobern?‘, Miriam schüttelte den Kopf. An diesem Ziel war bereits die Rote Königin gescheitert. Daran waren all die zahlreichen Nachkommen der Roten Königin gescheitert.
All die Datenkapseln, die von der Roten Königin über die Erde verteilt wurden und die in die Hände unwissender Menschen fielen. Menschen, die daraufhin zu Dienern der fremden Gene wurden und sich recht schnell im Fadenkreuz der wachsam gewordenen Geheimdienste fanden.
Mit jedem vereitelten Versuch lernten die Menschen mehr über die Aliens. Die Menschen lernten die Schwächen und Taktiken kennen und stellten sich darauf ein. Vor allem war es aber Miriam selbst gewesen, die den Menschen half, einen blutigen Krieg mit ihrer Art zu verhindern.
Dank ihrer Fähigkeiten konnte sie zahlreiche Menschen, die in Kontakt mit den Datenkapseln der Roten Königin gekommen waren, vor den fremden Genen retten. Sie war in der Lage, die genetische Veränderung innerhalb der ersten Stunden rückgängig zu machen. Selbst die Soldaten, mit denen sie kämpfte, sahen ein, dass dies besser war, als alle Betroffenen abzuschießen.
‚Bin ich eine Verräterin?‘, fragte sich Miriam und rollte mit den Augen, als sie erkannte, dass sie schon wieder in die gedankliche Sackgasse getappt war, in der sie immer stecken blieb.
Irgendetwas musste bei Miriam schief gelaufen sein. Sie war sich ihrer menschlichen Seite noch bewusst. Genau genommen war Miriam ein Prototyp: ein misslungenes Experiment der Roten Königin. Misslungen in dem Sinn, dass Miriam ihre Schöpferin tötete. Aber im Gegensatz zur Roten Königin hatte sie Skrupel, die Menschen scharenweise zu unterwerfen, um sie ihrer Art anzugleichen. Miriam stand zwischen zwei Fronten: Sie wollte weder den Menschen noch ihrer Art schaden. Sie war eine Minderheit in der Minderheit, und vielleicht war sie deswegen die einzige nicht menschliche Überlebende eines Kriegs, von dem kaum jemand auf diesem Planeten etwas mitbekommen hatte.
Miriam ging zum Fenster und schaute auf die trostlose Industriebrache, die ihre Behausung umgab. Die tief stehende Abendsonne schien durch die kleinen Schlitze in den Jalousien und zeichnete ein Muster aus Licht und Schatten auf ihren Körper. Einzig der weiße Spitzentanga hob sich leuchtend von ihrem schwarzen Körper ab. Sie bewegte sich mit ihrem Vorhaben in einer Grauzone. Würden ihr die Menschen einen Strick daraus drehen, wenn sie auf eigene Faust handelte?
Miriam erinnerte sich an den Wortlaut der Mail: „Noch einmal stürmt, noch einmal, liebe Freunde!“
»Na gut!«, sagte sie entschlussfest und begann ihre Ausrüstung zusammenzusuchen.
Wenn irgendjemand auf dieser Welt ein Anrecht auf diese Eier hatte, dann wohl sie. Und bevor die Menschen in ihrer unendlichen Neugier Dummheiten machten, war es sogar ihre Pflicht, sie vor Unheil zu bewahren. So eine Datenkapsel war durchaus in der Lage, ihre Gene in einen oder mehrere Menschen zu übertragen. Und sie hatte keine Lust, schon wieder frisch mutierte Drohnen einzufangen.
***
Einige Stunden später saß Miriam in den unteren Streben eines Flutlichtmastes auf dem ehemaligen Militärflugplatz.
Das waren die Koordinaten, die ihr in der E-Mail genannt wurden. Sie beobachtete einen Geländewagen, in dem drei Männer saßen und warteten. Die drei Kerle sahen aus wie Türsteher einer Dorfdisco. Da sie in dem Fahrzeug warteten, anstatt die Umgebung abzusichern, war sich Miriam sicher, dass diese Typen mehr in den Oberarmen als in ihren Köpfen hatten. Mit Profis hatte sie es offensichtlich nicht zu tun, aber wer schickte drei Hohlköpfe nachts auf einen verlassenen Flugplatz?
Miriams schwarze Haut glänzte sonst makellos, heute hatte sie den edlen Glanz gegen ein Licht schluckendes mattschwarz getauscht.
Sie war dadurch ausreichend getarnt, um sich das Schauspiel aus nächster Nähe anschauen zu können. Von Weitem hörte sie die Geräusche eines nahenden Hubschraubers. Zu ihrer Verwunderung kam ein weißblauer Zivilhubschrauber angeschwebt. Das war keine Militärmaschine, mit denen eine solch brisante Fracht üblicherweise transportiert wurde. Vielleicht wollten die Drahtzieher der Aktion jedes Aufsehen vermeiden und entschieden sich deshalb für unauffälliges Personal. ‚Dann hätten sie es gleich mit der Post schicken können‘, fiel Miriam ein.
Sie war sich fast sicher, dass dieses Treffen nicht auf staatlicher Ebene veranlasst wurde, ansonsten würde es hier vor Soldaten oder Polizisten wimmeln.
Der Hubschrauber setzte auf und federte kurz nach, bevor die Schiebetür aufgerissen wurde. Der Pilot ließ die Rotoren mit hohen Drehzahlen laufen, jederzeit bereit, abzuheben. Zwei von den drei Hohlköpfen stiegen aus dem Auto aus und rannten mit eingezogenen Köpfen zur Landestelle. Sie nahmen einen Aluminiumkoffer in Empfang, stellten ihn auf den Boden und gingen in Deckung, als die Triebwerke des Hubschraubers aufheulten.
Die Maschine macht einen Höllenlärm und noch mehr Wind, ehe sie an Höhe gewann. Zwischen den Insassen des Hubschraubers und den beiden Männern wurde kein Wort gewechselt. Zumindest in diesem Punkt wussten wohl alle Beteiligten im Vorfeld, was sie zu tun hatten.
Mit steigender Höhe nahm der Lärm der Rotoren ab und die beiden Männer richteten sich auf. Sie waren wenige Schritte gegangen, als die Flutlichtanlage ausfiel. Auf dem weitläufigen Gelände brach finstere Nacht herein, das Licht der Autoscheinwerfer reichte nicht, um ihnen Orientierung zu geben.
*
Der Kofferträger und war sich nicht sicher, ob er seine Waffe oder die Taschenlampe ziehen sollte als es dunkel wurde. Auf keinen Fall durfte er den Koffer loslassen. Ein kraftvoller Schlag traf seinen Begleiter und ließ ihn zu Boden gehen. Er griff nach der Stabtaschenlampe an seinem Gürtel. Katzenaugen! Er sah die bernsteinfarbenen Punkte mit den schlitzförmigen Pupillen, aber das Wesen, dem die Augen gehörten, vermochte er nicht zu erkennen.
Die Augen umkreisten ihn, näherten sich spiralförmig. Seine Angst verhinderte rationale Handlungen: Er schlug mit der Taschenlampe um sich, anstatt sie einzuschalten. Einer seiner unkoordinierten aber kraftvollen Schläge traf einen Körper, verursachte ein dumpfes Klatschen, gefolgt von einem unterdrückten Schrei. Eine nackte, tiefschwarze Ferse, kam aus der Dunkelheit, schnellte seinem Gesicht entgegen und zertrümmerte sein Jochbein.
*
Miriam durchquerte das Maisfeld neben dem ehemaligen Militärflugplatz und erreichte die andere Seite.
Sie zog das Motorrad aus dem Versteck und stöhnte auf — ihre Schulter war taub vor Schmerz. Mit zusammengebissenen Zähnen öffnete sie den Aluminiumkoffer und holte einen Metallzylinder daraus hervor. Sie warf den Koffer weg und verstaute den Metallzylinder in einem Rucksack, dann lauschte in die Nacht, hörte keine auffälligen Geräusche und fühlte sich fürs Erste sicher. Das Maisfeld war noch nicht so hoch, dass es ein Mann unbemerkt durqueren konnte.
Sie holte ihre Motorradausrüstung aus dem Top-case, schlüpfte in die Lederkombi, zog den Reißverschluss bis ans Kinn, steckte ihre nackten Füße in die Motorradstiefel und setzte den Helm auf.
Als sie den Motor startete und zurück auf die Landstraße rollte, kam ihr dieser Raubzug fast ein wenig zu leicht vor. Und dennoch ärgerte sie sich über ihre Feigheit, denn sie hätte die Kerle noch verhören sollen.
***
Das Motorrad versteckte Miriam in der Industriehalle, bevor sie die Metalltreppe hoch rannte und die Tür zu ihrem Unterschlupf verriegelte. Noch im Flur zog sie den Metallzylinder aus dem Rucksack.
In dem Metallzylinder steckte ein Glaskolben, dessen Deckel luftdicht verklebt war. Im Inneren des Glaskolbens sah sie einen schwarzen Gegenstand von der Größe einer Zitrone, der von mehreren Lagen Luftpolsterfolie gegen Stöße geschützt war. Sie zerschnitt die luftdichte Versiegelung des Glaskolbens mit einem Messer. Der Glasdeckel ließ sich mit einem satten Plopp abnehmen. Miriam hielt die Öffnung an ihre Nase und roch am Inhalt. Enttäuscht verzog sie ihre vollen, tiefblauen Lippen und griff nach dem schwarzen Objekt, es fühlte sich kalt und hart an.
»Mein Gott, du bist ja prähistorisch. «
Sie nahm das schwarze Objekt und legte es auf den Couchtisch. Mit skeptischen Blicken zog sie die Motorradstiefel und die Lederkombi aus, verstaute die restliche Ausrüstung und kam nackt, in Gestalt der Blauen Königin, zurück ins Wohnzimmer. Ratlos nahm sie auf der Ledercouch Platz und betrachtete sich das steinalte Ei. Das war keine Datenkapsel der Roten Königin — dieses Ei war viel älter.
Miriam wusste so gut wie nichts über die Vergangenheit der Roten Königin, außer dass sie vorher Tanja hieß, eine menschliche Frau war und irgendwas mit Mode oder Kosmetik zu tun hatte. Tanja war also nicht als Königin einer außerirdischen Lebensform auf die Erde gefallen, sie war selbst das Opfer einer Datenkapsel gewesen.
Opfer war vielleicht ein zu negativer Ausdruck, aber viel Glück hatte ihr diese Verwandlung im Nachhinein nicht gebracht.
Es gab schon vor der Roten Königin Datenkapseln auf der Erde und auf Miriams Wohnzimmertisch lag offensichtlich eines dieser uralten Dinger. Eines von Tanjas Eiern hätte Miriam ohne lange zu überlegen vernichtet, denn sie kannte alle Details, die darin verborgen waren, aber der Inhalt dieses Eies war ihr ein Rätsel.
Je länger sie da saß und auf ihre Beute starrte, desto interessanter wurde das Objekt. Sie nahm es in ihre Hand und wog es prüfend: An Masse schien es über die Zeit nicht verloren zu haben und die Oberfläche war unbeschadet.
Eigentlich war dieses Objekt viel wertvoller als all die anderen Eier, die sie in den letzten Jahren aufgespürt und vernichtet hatte. Denn dieses Objekt enthielt wahrscheinlich die unverfälschten, ursprünglichen Daten aus der Heimatwelt.
Die Wärme ihrer Hände tat der Datenkapsel gut, sie spürte ein Kribbeln im Kopf zwischen den Augen. Auf ihrer ebenmäßigen schwarzen Latexhaut erschienen filigrane blaue Linien, romantisch verspielte Muster, die ihre weiblichen Kurven vorteilhaft zur Geltung brachten und sie, optisch unverkennbar, über den Stand einer einfachen Drohne hinaushoben.
‚Willst du mich geil machen, damit ich so werde wie du — erkennst du deine eigene Art nicht?‘, dachte Miriam und rieb die Kapsel zwischen ihren Brüsten. Unbeirrt der Tatsache, dass sich Miriam als Königin zu erkennen gab, begann die Datenkapsel, ihren verführerischen Einfluss auszubauen.
Es war ein Spiel mit dem Feuer. Sie war die Königin, aber ihre Gene waren über zwei Evolutionsstufen mit menschlicher DNA vermischt worden.
Sie war sich nicht sicher, ob dies einer Weiterentwicklung gleichkam. Dem gegenüber stand eine uralte Datenkapsel, deren Inhalt seit unzähligen Jahren nicht verändert worden war, und die dennoch eine beeindruckende Ausstrahlung auf Miriam entfaltete, jetzt wo sie die Körperwärme der Königin annahm.
Sie rollte die Kapsel über ihren Bauch, ihre Bauchmuskeln zuckten. Noch kontrollierte sie das Spiel, dem ein Mensch längst erlegen wäre, aber sie wurde aufs Höchste gefordert. Die feinen blauen Linien auf ihrem Körper bildeten unregelmäßige Muster.
Miriam wusste, wie dieses Spiel gespielt wurde: Datenkapseln wollten immer in ihren Wirtskörper, so konnten sie ihre Gene am besten übertragen. Und bei der ungefähren Größe einer Zitrone boten menschliche Körper nur eine begrenzte Anzahl an möglichen Körperöffnungen. Um ihr Ziel zu erreichen, waren diese Gebilde ausgezeichnete Verführer.
Die Funktion von Pheromonen war entweder im ganzen Universum gleich, oder diese Dinger waren exakt auf die menschliche Biologie abgestimmt. Miriam war kein einziger Fall bekannt, in dem ein Mensch diesen Lockstoffen widerstanden hätte.
Früher oder später war die Lust auf etwas Großes, Hartes so einnehmend, dass jede Vernunft schwand. In einer fließenden Bewegung rollte Miriam die Kapsel über ihren Venushügel und spürte die anschmiegsame Kontur über ihre feuchten Schamlippen gleiten. Die Kapsel war angenehm warm, hart im Kern, aber sanft an der Oberfläche. Wie eine Stahlkugel die mit weichem Gummi überzogen worden war. Sie rieb das geile Ding über ihren Kitzler und fühlte den sanften Druck auf ihren feuchten Lustlippen.
Miriam — die Blaue Königin — balancierte an der steilen Klippe entlang, die den Absturz und die Aufgabe ihrer Persönlichkeit bedeutete. Für einen Moment wurde aus dem Balancieren ein Taumeln und für einen Bruchteil dieses Moments wollte sie freiwillig springen: Sich der unglaublich tiefen Penetration von Körper und Stimulation des Geistes hingeben, um fortan zu dienen, im Austausch für einen wohldosierten Zustand der Dauererregung. Dies wäre das Leben einer gewöhnlichen Drohne.
Die Vorstellung, ein solches Leben zu führen, ließ ihre Brustwarzen anschwellen. In einem trägen Blick sah sie feine, orangefarbene Linien auf der Datenkapsel aufleuchten und wurde sich wieder bewusst, wer sie war.
Sie war die Blaue Königin und sie würde ihre Farbe niemals aufgeben: Blau war ihre Farbe — sie musste sie sich erkämpfen, und eher wollte sie sterben, als sich einem altbackenen Orangeton zu unterwerfen. Die Farben prallten mit Wucht aufeinander, ohne sich zu vermischen.
*
Die Kapsel entglitt ihren Händen und rollte, feucht von ihrer Lust, durch das Wohnzimmer. Auf der schwarzen Oberfläche des Eies schimmerten die orangefarbenen Linien noch einmal auf und verblassten.
Den Blick zur Decke gerichtet, saß Miriam auf dem Sofa und streichelte sich. Ihr Zeigefinger rieb über ihren geschwollenen Kitzler, um zu beenden, was diese Datenkapsel begonnen hatte. Sonst war sie die Verführerin, der nichts und Niemand wiederstehen konnte, jetzt war sie die Verführte.
Sie spreizte ihre langen schwarz glänzenden Beine, um mit der ganzen Handfläche über die feuchten Schamlippen reiben zu können. In einem glasigen Blick sah sie die Datenkapsel zwei Schritt entfernt auf dem Boden liegen und lächelte überlegen.
»Du hast mich zwar geil gemacht, aber ich bin nicht darauf reingefallen. «
Sie fickte sich mit zwei Fingern und rieb mit dem Daumen über ihre Lustperle. Kurz vor dem Höhepunkt schloss sie ihre tiefblauen Augenlider und formte ihre vollen blauen Lippen zu einem sinnlichen Schmollmund.
Die letzten Sekunden bis zum Finale, verharrte ihre Hand fast bewegungslos zwischen ihren Beinen. Dann begann ihr Becken zu zucken. Die Königin gurrte vor Lust mit geschlossenem Mund.
Sie genoss die abklingende Erregung, die einer zufriedenen Erschöpfung wich. Obwohl sie von dem Objekt nur äußerlich berührt worden war, hatte sie die betörende Macht deutlich gespürt. Verträumt zeichnete sie mit ihren Fingern die blauen Linien auf ihrem schwarz glänzenden Körper nach und überlegte, was sie mit der Datenkapsel anfangen sollte.
Miriam wollte keine überstürzte Entscheidung treffen, und vor allem wollte sie nicht auf dem Sofa einschlafen. Sie richtete sich auf und spürte einen spitzen Schmerz, der von ihrer Schulter bis in die Halswirbel zog. Der Idiot hatte mit seiner Taschenlampe einen echten Volltreffer gelandet. Als sie ihr Schulterblatt mit der Hand abtastete, flammte der Schmerz erneut auf.
»Scheiße!«, zischte sie und sah in den Augenwinkeln das Ei auf dem Boden liegen.
Sie bückte sich wie eine alte Frau, um es aufzuheben. Es fühlte sich warm und zart an, roch wieder nach Leben.
»Ich glaube, wir haben uns eben gründlich missverstanden, aber leider konnte ich nicht sehen, was du mir zeigen wolltest. Ich bin nämlich eine blinde Königin«, sagte Miriam zur Datenkapsel und legte sie an ihren Hals.
»Tanja, die Rote Königin, hat meinen kontemplativen Cortex entfernt, als ich noch eine Drohne war.
Seitdem kann ich unsere visionäre Welt nicht mehr sehen«, erklärte Miriam und war froh, mit jemand darüber reden zu können.
Aber dieser Jemand war nur eine Datenkapsel. Eine genetische Sicherungskopie von einem Wesen, das vor langer Zeit an einem sehr weit entfernten Ort gelebt hatte. Miriam ging in die Abstellkammer, die an ihre Küche angrenzte. Wie in allen Büros dieser Welt standen auch hier einst Zimmerpflanzen auf den Fensterbänken. Sie suchte den größten Blumentopf, den sie finden konnte, und zog die vertrocknete Pflanze heraus.
Dann schüttelte sie die staubige Erde von der Wurzel, bis der Topf fast voll war mit knochentrockener alter Blumenerde. In der Mitte bildete sie eine Kuhle und setzte die Datenkapsel hinein.
‚Fuck! Was mach ich da eigentlich?‘, fragte sie sich, als sie die Erde begoss. Aber es war schon späte Nacht, sie war müde, und sie könnte ihre Entscheidung morgen noch einmal überdenken.
Als sich Miriam die Erde von den Händen wusch, rekapitulierte sie den Tag.
Wenn sie in eine Falle getappt war, würde die sicher bald zuschnappen. Eigentlich müsste sie längst zugeschnappt sein. Miriam stellte das Wasser ab, ihre Hände waren längst sauber
*
Im Schlafzimmer nahm sie eine neue Flasche Babyöl, ließ ihre hohle Hand volllaufen und fuhr durch ihre Haare, bis sie glatt an ihrem Kopf anlagen. Der Kokon hing zum Lüften auf einem Bügel. Sie nahm in ab, ließ den kompletten Inhalt der Babyölflasche hineinlaufen und schlüpfte, mit den Füßen voran, hinein.
Das halbtransparente Latex glitt über ihre Schienbeine, schmatzte auf Höhe der Oberschenkel und spannte stramm über ihren Po. In kleinen Etappen zog sie den Kokon über ihre Hüfte, nahm auf der Bettkante Platz und zog das untere Ende stramm. Nach einigen schlängelnden Bewegungen rutschte der enge Bund über ihre Brüste. Sie fädelte einen Arm nach dem anderen in den engen Schlauch und dann schmiegte sich der Bund luftdicht um ihren Hals.
Ihr Körper war umschlossen von weichem anschmiegsamem Latex.
Das Material presste ihre Beine auf ganzer Länge zusammen und spannte sich über ihren kurvenreichen Körper. Die Konturen ihrer schwarzen Zehen zeichneten sich deutlich ab, als sie die Füße durchstreckte, bis sie eine Linie mit den Schienbeinen bildeten.
Miriam konnte die Arme nur mühsam zwischen ihrem Körper und dem Latexkokon bewegen, und jede Regung war zwangsläufig ein Streicheln über ihre feuchtwarme Haut. Sie wand und rollte sich über die weiche Matratze, bis das Babyöl gleichmäßig verteilt war und die Bewegungen zu einem seifigen Gleiten wurden.
Auf der Seite liegend, nahm sie eine embryonale Haltung ein und schloss ihre Augen. Die enge Umschließung war ein schwacher Ersatz für die fürsorgliche, universale Umarmung eines Kollektivs aus vielen ihrer Art.
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